Die Weltbaustelle Mülheim/Ruhr bei der Urban Art Kampagne Weltbaustellen NRW zu den Globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung des Eine Welt Netz NRW

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Weltbaustelle Mülheim an der Ruhr

Das Wandbild in Mülheim an der Ruhr zeigt eine kontrastive Mischung aus Elementen des Globalen Südens und äquivalenten Elementen aus dem Globalen Norden. So ist zentrales Element des Wandbildes ein Löwe der neben einigen Bäumen thront, deren Stämme sich nach und nach als Schornsteine in die dahinterliegende Fabrik integrieren.

Gerichtstraße 11, 45468 Mülheim

Das Wandbild in Mülheim an der Ruhr. Foto: Simone Neumann

Ein ehemaliges Frauengefängnis wird zum Kunstwerk

Wir freuen uns sehr, dass wir die Weltbaustelle Mülheim in der Weltbaustellen Kampagne begrüßen dürfen! In Mülheim kooperieren wir mit dem Gemeindedienst für Mission und Ökumene der Ev. Kirche im Rheinland und dem Agenda Büro - Agenda Lokal der Stadt Mülheim. Das Wandbild der Weltbaustelle Mülheim entstand aus der Zusammenarbeit des Lokalkünstlers Hardy Bock mit seinem kenianischen Kollegen Adam Masava an der Ecke Friedrich-Ebert Straße/Gerichtsstraße.
Die Wand, die für das Mülheimer Wandbild ausgewählt wurde, ist die des ehemaligen Frauengefängnisses am Tourainer Ring, einem der wichtigsten Knotenpunkte in Mülheim. Das Frauengefängnis wurde 1998 geschlossen und zwischenzeitlich als Abschiebegefängnis genutzt. Derzeit sind das Drogenhilfezentrum und das Café Light der AWO Mülheim dort ansässig. Wer die Wand kennt, der weiß: Sie ist riesig! Und tatsächlich ist das Mülheimer Wandgemälde eines der größten Wandbilder der Kampagne „Weltbaustellen NRW”. Dieser Ort mit starker Vergangenheit, wurde durch das Projekt nun mit neuen Farben und Ideen gefüllt.

Das Programm der Weltbaustelle Mülheim

Hier nochmal ein Überblick über die vergangenen Veranstaltungen der Weltbaustelle Mülheim:

  • 23.09.2016, 19 Uhr: Vernissage der Ausstellung der Künstler Hardy Bock und Adam Masava. Friedrich-Ebert Straße 48, Mülheim.
  • 28.09.2016, 18.30 Uhr: Lesung "Durch die Wand". Nizaqete Bislimi liest aus ihrem Buch in dem sie schildert, wie sie 1993 als Roma-Mädchen mit ihrer Familie vor dem Krieg im Kosovo flüchtete und wie sich ihr Leben in Deutschland entwickelte. Ev. Ladenkirche, Kaiserstr. 4, 45468 Mülheim Ruhr.
  • 10.10.2016, 18 Uhr: Vortrag über Namibia. Claudio Gnypek teilt seine Erfahrungen aus seinem Besuch der evangelischen Kirche in Namibia und spricht über Armutsbekämpfung und die Situation der schwarzen Bevölkerung. Agenda Lokal, Löhberg 28, Mülheim/Ruhr.
  • 14.10.2016, 18 Uhr: Finissage mit Getränken und Musik und natürlich mit der Gelegenheit, die Künstler zu sprechen und Werke zu kaufen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Evangelische Ladenkirche; Kaiserstraße 4, 45468 Mülheim.
  • 23.11.2016, 16 Uhr: Eröffnung und Einweihung des Wandbildes mit Live-Musik, Getränken und allen Mitwirkenden des Murals. Gerichtsstraße 11, bzw. Wand liegt zur Friedrich-Ebert Straße, Mülheim/Ruhr

Die Künstler der Weltbaustelle Mülheim

Hardy Bock
Hardy Bock, gebürtiger Transsylvanier, lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Mülheim. Seit 15 Jahren stellt er überwiegend im Ruhrgebiet und Umland, aber auch gelegentlich im Ausland (wie beispielsweise 2013 in Südkorea) aus. Bock spielt gerne mit allen Formen der Kunst und seine Bandbreite reicht von Zeichnung über Malerei bis hin zu Objekt-, Miniatur- und Rauminstallationen. In seiner Kunst setzt er sich mit dem Groben und Banalen, Mythen und Legenden sowie dem Fantastischen im Alltag auseinander. Zur Zeit gestaltet er die Altkleidercontainer des Diakoniewerks in Mülheim.

Adam Masava
Adam Amsava ist ein kenianischer Künstler, der im Mukuru-Slum in Nairobi der Hauptstadt Kenias, geboren wurde und auch dort aufgewachsen ist. Seine Arbeit basiert vor allem auf den Dingen, die er um sich herum wahrnimmt und in seiner Kunst versucht er die positive Seite des Mukuru-Slums darzustellen. Bisher wurden und werden meist die negativen Aspekte des Lebens im Slum, wie Drogen-Missbrauch, Kriminalität und Armut portraitiert, dabei gibt es auch viele positive Aspekte, denen man Beachtung schenken sollte. Seine freie Zeit nutzt er dazu, Kindern und Jugendlichen die Kunst näher zu bringen, indem er sie seit sieben Jahren jeden Sonntag in den Schulferien unterrichtet und so ihre Talente fördert und ihnen neue Perspektiven aufzeigt. In der Zukunft würde er gerne ein Kunstzentrum eröffnen, in dem junge Talente ihre Fähigkeiten ausbauen und weiterentwickeln können.

Unsere Kooperationspartner in Mülheim

Gemeindedienst für Mission und Ökumene (GMÖ)
Der Gemeindedienst für Mission und Ökumene (GMÖ) Westliches Ruhrgebiet ist eine Einrichtung der Evangelischen Kirchenkreise im Rheinland. Ziel der Arbeit des GMÖ ist es, das Engagement der Kirche für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung im globalen Horizont zu fördern und zu unterstützen. Dabei wird intensiv mit weltweiten Partnerkirchen zusammengearbeitet.

Stadt Mülheim an der Ruhr
Die Stadt Mülheim an der Ruhr hat seit 1998 ein Agendabüro und seit 2008 besteht die Mülheimer Initiative für Klimaschutz. Durch Ratsbeschluss wurde aktuell die Geschäftsstellen der Klimainitiative und der Lokale Agenda 21 zusammengelegt, um globale Probleme kommunal noch effizienter zu bekämpfen - insbesondere im Kontext der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (Agenda 2030). Darüber hinaus ist Mülheim an der Ruhr seit Mai 2016 Fair Trade Stadt. An diese erfreuliche Entwicklung soll angeknüpft werden, indem die Ziele für nachhaltige Entwicklung verstärkt in die Mülheimer Gesellschaft getragen werden. In verschiedenen Themen-Foren sollen vor allem Bürger*innen eingebunden werden (Ideenschmieden), um gemeinsam entwickelte Projektideen zu testen, umzusetzen und letztendlich nachhaltig in Mülheim an der Ruhr zu etablieren.

Interview mit Hardy Bock aus Rumänien/Deutschland

Warum hast du dich dazu entschieden das Projekt „Weltbaustellen NRW” durch deine Arbeit zu unterstützen und ist dies das erste Mal, dass du politische Themen mit deiner Kunst ansprichst?

Als die Anfrage kam, habe ich mit Freude und Neugierde zugesagt, weil sich das Projekt und seine Intention perfekt in meine sonstige künstlerische Arbeit einfügte. Es war für mich eine folgerichtige Entscheidung, da ich schon zwei Jahre zuvor begonnen hatte, die Altkleider Container des Diakoniewerks Mülheim zu gestalten. Dabei ging es ebenfalls um das Thema Nachhaltigkeit und die Verwandlung einer profanen Fläche in eine, die Raum für Botschaften und Reflektionen zuließ. Bereits im Zuge dieser Arbeit konnte ich einigen politischen Aspekten Ausdruck verleihen. Ein Wandbild dieser Größe an einem derart exponierten Ort zu gestalten war für mich dann sozusagen der nächste Schritt.

Was ist das Thema eures Wandbildes und wieso habt ihr diesen Schwerpunkt gewählt?

Es waren gleich mehrere der Ziele für Nachhaltige Entwicklung (SDGs), die Adam und mich reizten. Einige Beispiele für Ziele, die in die Gestaltung unseres Wandbildes einflossen, sind: Lebenswerte Städte und Gemeinden (SDG 11), Gesundheit für alle (SDG 3), Artenvielfalt schützen (SDGs 14 & 15), faire Arbeitsbedingungen (SDG 8) sowie moderne Infrastruktur (SDG 9). Da wir uns erstmals am Flughafen trafen und uns vorher nicht kannten, brannte ich begierig darauf, mehr von seiner Sicht auf das Thema Nachhaltigkeit zu erfahren. Im Arbeitsprozess ergab sich dann eine Art Rollentausch, da ich mehr Motive aus der südlichen, globalen Sicht entwarf und Adam sich verstärkt den westlichen Themen annäherte.

Wie habt ihr dieses Thema in eurem Bild dargestellt?

Im Grunde sind die Themen in eine Art Erzählung eingebunden, sodass das Wandbild von links nach rechts oder umgekehrt zu lesen ist. Auch wenn das Wandbild auf einer linearen Fläche entstanden ist, ergibt sich so eine Art Kreislauf: Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang.

Die Symbole und Motive, die wir verwendet haben, sind zum großen Teil Überschneidungen aus „typischen” Nord- und Südsymbolismen. Zur näheren Beschreibung der einzelnen Motive werde ich das Feld sozusagen von hinten (d.h. von rechts nach links) aufräumen, obwohl die Leserichtung unseres Wandbildes wie gesagt in beide Richtungen funktioniert.
Giraffe
Als exotischer Vertreter des Tierreiches streckt die Giraffe ihren Hals weit aus dem Fenster eines westlich geprägten Hauses. Dies schafft einen Kontrast und soll uns daran erinnern, welch weiten Weg die zum Beispiel die Bananen in unserer Obstschale zurücklegen mussten. 
Bus
Der von uns dargestellte Bus ist eine Chimäre aus einem „Matatu” (dieses kenianisches Sammeltaxi ist das wichtigste Transportmittel des dortigen öffentlichen Nahverkehrs) und einem hiesigen Linienbus. Er ist eine Metapher, die den Wunsch vieler Menschen nach einer synchronisierten und modernen Infrastruktur aufgreift.
Rauchender Mann
Im Vintage-Look lehnt sich der Raucher lässig deprimiert an das Haus. Der Rauch seiner Zigarette geht nahtlos in den Qualm der Fabrikschlote über. Er ist ein Symbol für den Umgang mit dem eigenen Körper sowie den Errungenschaften, die wir für fortschrittlich hielten oder zum Teil immer noch halten!
Fabrikschlote und Bäume
Die Schlote fügen sich ebenso in das Landschaftsbild ein wie die daneben stehenden „Zwillingsbäume”.
Der Stamm des einen Baumes ist bereits selbst zum Schlot geworden. Er ist ein Symbol für den Raubbau der industriellen Welt sowie die Veränderung und zwanghafte Anpassung der Natur an anthropogene Vorstellungen, welche oftmals nicht nur eine Nachahmung der Natur beinhaltet, sondern auch die grobe Einmischung und Zerstörung unserer natürlichen Umwelt mit sich bringt.
Der andere Stamm der „Zwillingsbäume” gedeiht noch prächtig. Er soll uns darauf hinweisen, dass es noch nicht zu spät ist, etwas gegen diese Veränderungen zu tun.
Fisch
Der Angler-oder Laternen-Fisch aus der Tiefsee steht für die Fallstricke der industriellen Revolution, die viele Arbeiter verspeist und regelrecht verheizt hat. Der Laternenfisch lockt seine Beute nämlich im Dunkel der Tiefsee mit einer Lichtkugel an, die wie eine Angel über seinem Kopf ruht.
Löwe
Der Löwe, oft auch als „König der Tiere” betitelt, ruht majestätisch in einer blühenden Welt vor einem Gebirgsmassiv. Beides, Flora und Fauna, ist hier Zeichen von Kraft, Mut und trotziger Unbeugsamkeit.
Grand Hustler
Unser unermüdlicher „Hustler” arbeitet und schuftet trotz aller Hindernisse. Er belädt sein Fahrrad zu einem babylonischen Turm und ruckelt von früh bis spät über staubige und unebene Pisten. Mit einer Hand grüßt er alle Arbeiter, die auf ihrem Weg zur Arbeit an unserem Wandbild und damit an ihm und seinen Verhältnissen vorbeifahren müssen (ca. 12.000 Autos täglich). 

Die Motive, die wir entstehen ließen, gehen außerdem zum Teil ein symbiotisches Abenteuer mit der vorgefundenen Architektur ein. So erstrecken sich beispielsweise moderne Hochhäuser in die Zinnen des Hauses und ein echtes Fenster fügt sich nahtlos in unser gemaltes Haus mit ein. Surrealismus trifft plakative und symbolische Malerei!

Hast du bereits persönliche Erfahrungen mit dem Thema eures Wandbildes gemacht?

Ja. Viele früher gehegte Gedanken, Gefühle und Fragmente aus wunderbaren Gesprächen konnte ich prima in die Arbeit an diesem Wandbild mit diesen Themen einfließen lassen.

Was möchtet ihr bei den Betrachtern eures Wandbildes auslösen? Welche Wirkung soll es auf seine Betrachter haben?

Die Leute zum Nachdenken, Mitfühlen und anders handeln anregen: Das wäre mein Wunschergebnis dieses Wandbildes.

Wie würdest du eure Arbeit abschließend bewerten? Welche Herausforderungen und Chancen bietet die Zusammenarbeit mit einem Künstler aus einem anderen Land, in deinem speziellen Fall mit Adam Masava aus Kenia?

Für mich war es natürlich eine absolute Horizont-Erweiterung. Es war eine wunderbare Erfahrung, den Spiegel vorgehalten zu bekommen, ganz ohne Vorwürfe und ohne den fahlen Beigeschmack, persönlich dafür verantwortlich gemacht zu werden, was auf der anderen Seite des Erdenrundes passiert und welche Auswirkungen unser aller Verhalten konkret darauf hat. Diese Arbeit und der Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen mit anderen globalen Erfahrungen und Vorstellungen fördert schlicht und einfach eine ganz tolle und wichtige Eigenschaft: Das Verstehen.

Interview von Phyllis Stiller (FÖJ 2017/18)

Download der Kampagnenzeitung Mülheim an der Ruhr.

Das Wandbild in der Lokalzeit Ruhr

Grüße von Adam Masawa

Eine Welt Netz NRW @ 2018
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