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WeltBaustelle Sicherheit

Angst als schlechter Ratgeber der Eine-Welt-Arbeit

Sicherheit ist bei uns zu einem der wichtigsten Themen für viele Menschen geworden. Die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge war im Jahr 2015 für viele  ein Versagen des staatlichen Sicherheitssystems. Terroranschläge und die Kölner Silversternacht 2015 verstärkten die Angst in der Bevölkerung.
Wie groß ist der Unterschied zwischen gefühlter und statistisch messbarer Unsicherheit?
Wie kann die Eine-Welt-Arbeit in dieser Situation weiterhin globale Zusammenhänge vermitteln?
Welche Formate thematisieren die Unsicherheit und setzen sie in Engagement um?
Wie kann die Einbeziehung von Migrant*innen und eine interkulturelle Arbeit dabei helfen?

Oft hat Furcht vor einem Anstieg der Kriminalität nichts mit der messbaren Wirklichkeit zu tun. Trotzdem müssen wir sie wahr- und ernstnehmen – diese Botschaft hatten die Rednerinnen und Redner für die Teilnehmenden des Forums „WeltBaustelle Sicherheit – Warum Angst ein schlechter Ratgeber ist“, das Niklas Thoms besucht hat.

Keine Angst zu Reden - Artikel von Niklas Thoms

„Jetzt reicht es, kann da mal bitte jemand den Stecker ziehen? Das hört ja gar nicht mehr auf.“ Die Nachsicht von Moderator Manfred Belle mit der Technik im Raum hat ein Ende. Zum wiederholten Mal hat mitten während der Diskussion zum Thema “Angst in der Gesellschaft” der Projektor angefangen laut zu brummen. Anders als zuvor hört er jetzt jedoch nicht mehr auf. Belle ist genervt. Nach dem beherzten Eingreifen eines Teilnehmers herrscht endlich Ruhe. „Wenn das mal so einfach mit manchen Menschen gehen würde“, sagt jemand. Großes Gelächter.

Der Satz kam von einem der Redner – Ali Can, der gerade von seinen Erfahrungen im Gespräch mit „besorgten Bürgern“ berichtet hat. Mit Menschen sprechen, die sich fürchten – sei es vor Flüchtlingen, Armut oder dem Weltuntergang –, das macht Can öfter und mit viel Engagement. Er ist der Gründer der so genannten „Hotline für besorgte Bürger“. Unter der Telefonnummer können Menschen anrufen, die gerne einmal mit einem „Migranten des Vertrauens“ reden möchten, wie sich Can selbstironisch nennt. Der 23-Jährige glaubt, dass sich Ängste abbauen lassen, wenn man den Sorgen der Menschen zuhört und sie ernst nimmt.

Auch Dina Hummelsheim-Doß, die am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht forscht, kennt ein Rezept gegen Furcht: Wissenschaft.
Blick in die kriminologische Forschung

Denn aus der empirischen Sicht, die Hummelsheim-Doß einnimmt, sind Befürchtungen vor einem Anstieg der Kriminalität unbegründet – und somit auch „kein guter Ratgeber“ im Alltag. Doch wie sehen die Forschungsergebnisse zu dem Thema genau aus?

Laut Hummelsheim-Doß sagen sie vor allem aus, dass es eine stetig wachsende Kluft zwischen empfundener und tatsächlicher Sicherheit in Deutschland gibt. Denn obwohl eine große Angst in der Gesellschaft herrscht, ist die Zahl der Straftaten in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um 0,7 Prozent zurückgegangen. Verglichen mit 2005 gibt es sogar einen Rückgang um 6,4 Prozent.

Das klingt beruhigend. Allerdings gibt es eine kleine Einschränkung. So beziehen sich die Zahlen nur auf die der Polizei bekannten Delikte, das sogenannte “Hellfeld”. Doch auch im “Dunkelfeld” –  das ist die Differenz zwischen den amtlich registrierten Straftat und der vermutlich begangenen Kriminalität – lässt sich laut Hummelsheim-Doß kein gegenteiliger Trend erkennen. „Es ist völlig egal, ob man sich Studien aus dem Hell- oder Dunkelfeld anschaut. Die Ergebnisse sind die gleichen“, sagt die Forscherin.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der „Deutsche Viktimisierungssurvey“. Anhand von Befragungen werden in ihm die Opfererfahrungen, Kriminalitätsfurcht und das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung untersucht. Nach dem Viktimisierungssurvey nimmt die Anzahl schwerwiegender Delikte in der Bundesrepublik ebenso ab wie die Wahrscheinlichkeit, zum Opfer einer Straftat zu werden.

Auch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist Deutschland ein weitgehend sicherer Staat, in dem die Bürgerinnen und Bürger eher selten unmittelbar von Kriminalität bedroht sind. Trotzdem zeigen die Umfrageergebnisse von Meinungsforschungsinstituten, dass sich eine deutliche Mehrheit der Deutschen in unsicheren Zeiten wähnt. Wieso?
Aufklärung wirkt präventiv

Offenbar sind die Medien Schuld. Denn das Sicherheitsempfinden hängt laut den Studien zu einem großen Teil davon ab, wie über Risiken und Gefahren kommuniziert wird. Mit Skandalberichterstattungen schüren Journalistinnen und Journalisten Ängste in der Bevölkerung. Nach Hummelsheim-Doß entsteht so eine “allgemeine Verunsicherung”. „Kriminalität wird von den Menschen als eine Art Projektionsfläche betrachtet, in der ihre Existenz- und Zukunftsängste greifbar werden“, erklärt die Soziologin. Sorgen bereiten dabei etwa die Globalisierung, die Migration und Umweltprobleme.

Wenn Furcht also vor allem eine Kopfsache ist –  was lässt sich dann gegen sie tun? Auch darauf weiß die Wissenschaft eine Antwort: noch mehr Kopfsachen. Europaweite Studien zeigen, dass Bildung und Maßnahmen zur sozialen Sicherung Ängste abbauen können.

Für Hummelsheim-Doß ist jedoch eine andere Sache noch wichtiger: miteinander zu reden. Wie Ali Can glaubt die Soziologin, dass sich durch Gespräche das Vertrauen in Mitmenschen, aber auch in staatliche Institutionen fördern lässt. Ihre Aussage trifft im Publikum auf Zustimmung. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Publikum nicken energisch. Angst, im Anschluss an den Vortrag mit ihr und Can zu diskutieren, hat hier keiner.

Dieser Text entstand während eines Projekts von politikorange – dem Medium der Jugendpresse Deutschland.

Ali Can - "Der Migrant Ihres Vertrauens"

„Besonders wichtig ist es, Visionen und Good-Practice-Beispiele aufzuzeigen, das Produktive und Gute sichtbar zu machen. Max Rosen hat beispielsweise mal geschrieben: 2016 war das sicherste Jahr der Menschheit. In diesem Geist soll das Motto gelten: Die Moral von der Geschicht‘, ohne Zuversicht reicht es nicht!“  

Ismail Köylüoglu - Bundesverband Netzwerk von Migrantenorganisationen

 „Mein Ratschlag für die Eine-Welt-Arbeit ist es, Solidarität zu leben und für die eigenen Einstellungen und Werte einzustehen.“

Dina Hummelsheim-Doß - kriminologischen Abteilung des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht Freiburg

„Mein Ratschlag ist, mit dem Engagement konkret, im Alltag anzusetzen, auf lokaler Ebene, in der Nachbarschaft, bei Kindern und Familien.“

Zusammenfassung der Diskussion

Als Dina Hummelsheim-Doß, die am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht forscht, ihr Impulsreferat zur Diskrepanz von subjektiver und objektiver Sicherheitslage in Deutschland schloss, bestimmten im weiteren Verlauf vor allem zwei Fragestellungen das Forums-Geschehen: Wie kann Ängsten und subjektiv empfundenen Bedrohungen in der deutschen Mehrheitsbevölkerung entgegengearbeitet werden, gerade im Bereich der Migrations- und Flüchtlingspolitik in Deutschland? Und wie soll man eigentlich, auch in der Eine-Welt-Arbeit, mit „Pegidisten“, AfD-lern oder schlicht „besorgten Bürgern“ umgehen?

Dass die Plenumsdiskussion diesen Verlauf nahm, liegt auch an den beiden anderen Gästen des Forums: Ismail Köylüoglu vom Bundesverband Netzwerke von Migrantenorganisationen (NEMO), sowie Ali Can, Buchautor und Gründer der „Hotline für besorgte Bürger“.

Die berufliche und thematische Vielfalt der drei Experten spiegelte sich auch in den Antworten auf die beiden Grundfragen wider. So betonte Dina Hummelsheim-Doß, dass die Ängste bezüglich Migranten und sog. Flüchtlingskrise im Allgemeinen abstrakt seien – als „Gefühl der Ohnmacht der staatlichen Institutionen“. Dies werde durch die gängige Ansprache in den Medien in der öffentlichen Diskussion noch aktuell gehalten, allerdings könne dieses subjektive Bedrohungsgefühl aufgrund der „großen Entfernung von der Lebensrealität der Menschen“ als „kurzzeitiges Phänomen“ schnell abebben. Hummelsheim-Doß plädierte für zwei Lösungsansätze: Zum einen für „sozialräumliche Maßnahmen“ auf Quartiersebene, wozu bessere nächtliche Beleuchtung, Beseitigung baulichen Verfalls und Instandsetzung des öffentlichen Raums gehören; „so könne Sicherheit in der Lebensrealität der Menschen geschaffen werden“. Zentral sei zum anderen aber auch der Erwerb einer höheren Medienkompetenz durch intensive Bildungsarbeit; gerade dies helfe, Nachrichten korrekt einzuordnen und bewerten zu können. Hier sei in Deutschland im Bereich der Bildungsausgaben noch viel zu tun.

Alle drei Experten waren sich darin einig, dass bei der Wahrnehmung der „Besorgten“ anzusetzen sei. Ismail Köylüoglu plädierte für einen Perspektivwechsel in Politik und Öffentlichkeit: Engagement in Deutschland müsse zum Ziel haben „Chancen interkultureller Skills“ für die Gesamtgesellschaft in den Vordergrund zu stellen; im Moment werde allerdings immer noch nur der Ist-Zustand betrachtet: „Wir bräuchten mutige Politiker, die dies vorantreiben, in der Öffentlichkeit testen“. Zwar ist auch nach Köylüoglu Bildung eine Schlüsselkompetenz und auch das Erlernen der deutschen Sprache sei bedeutend bis obligatorisch für einen dauerhaften Lebensmittelpunkt in Deutschland – entgegen vereinzelter anderslautender Meinungen im Plenum. Jedoch bestimme die Wahrnehmung dessen was als „migrantisch“ gilt weiterhin, ob dies als Chance oder Bedrohung wahrgenommen werde: Betrachte man die „eigene Ankommenserfahrung, die allen Migranten eigen ist“ als Grunddefinition des migrantischen, so sei dies eine gesellschaftliche Ressource, die es auszuschöpfen gelte. Migration könne und müsse so als Gewinn für die Gesellschaft erkannt werden. Außerdem, so Köylüoglu, verstelle die Konzentration auf vermeintlich obligatorische „deutsche“ Grundkenntnisse die Wahrnehmung der wichtigsten Voraussetzung für ein sicheres Zusammenleben: „Man kann mit Demokraten zusammenleben, ob sie Deutsch sprechen oder nicht.“

Grundlage für eine Diskussion über eben diese Erkenntnisse müsse, so Ali Can, jedoch sein, dass die Kommunikationskanäle zu allen Gesellschafts-Gruppen offen bleiben, gerade in Zeiten, in denen „die Streitkultur rauer und polemischer geworden ist, ja eine tiefe Spaltung in verschiedene Gruppen stattfindet“. Zu diesem Zweck unternahm er Reisen nach Ostdeutschland zu Pegida-Demonstrationen und gründete die „Hotline für besorgte Bürger“. Die dort gesammelten Erfahrungen hätten ihm deutlich gemacht, dass „alle intrinsisch das Bedürfnis gehabt haben, mit mir zu sprechen“, und kleinste Gesten genügten „um zu zeigen, dass es Gemeinsamkeiten und Grundwerte gibt, die man teilt“. Diese Einsichten und seine Durchhaltefähigkeit, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen und offensiv als „Migrant des Vetrauens“ das Gespräch zu suchen, wurden schließlich vom gesamten Plenum mit Applaus bedacht.

Materialien zum Forum

Link zur Hotline für besorgte Bürger

Link zu einem Fachbeitrag von Dr. Hummelsheim-Doss in der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte"

Download des Vortrags von Dr. Hummelsheim-Doss als pdf-Datei

Link zum Bundesverband NEMO

Link zum Online-Magazin für lösungsorientierten Journalismus "Perspective Daily"

 

Buchempfehlung:

Ali Can: Hotline für besorgte Bürger. Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens. Lübbe Verlag, Köln 2017

Foto: Bild 1,4 : Jugendpresse Deutschland / Erik-Holm Langhof, Bild 2,3: Eine Welt Netz NRW

Eine Welt Netz NRW @ 2018
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