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Erschütterung über Afghanistan

Warum das Eine Welt Netz NRW sich dem Land besonders verbunden fühlt

Photo by Sohaib Ghyasi on Unsplash

Die Menschen in Afghanistan sehnen sich nach Frieden und Sicherheit. Ein Bild vom Markt aus besseren Zeiten

Wir alle sind erschüttert und in großer Sorge um die Menschen in Afghanistan, denn dort herrschen wieder die Taliban. Es ist bitter, dass ein fast 20 Jahre lang andauernder Einsatz der Bundeswehr mit 59 Toten offensichtlich im Ergebnis vergeblich war. Viele im Eine Welt Netz NRW fühlen sich Afghanistan besonders verbunden, weil Rangin Dadfar Spanta, der ehemalige Außenminister Afghanistans, in seinen früheren Jahren in Aachen auch unserem Vorstand angehörte.  Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk hat er am 14. August 2021 den Abzug der internationalen Truppen vom Hindukusch kritisiert. Die Menschen in Afghanistan seien plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Rangin Dadfar Spanta hat Zweifel, ob eine Demokratisierung mit Hilfe des Auslands überhaupt möglich ist, ohne die inneren Dynamiken des Landes adäquat zu berücksichtigen. Man hätte beispielsweise die Ursachen des Terrorismus stärker bekämpfen müssen, betonte Rangin Dadfar Spanta.

Download zur Stellungnahme der Eine Welt Landesnetzwerke (pdf) vom 27.08.2021

Link zum Interview im Deutschlandfunk (mp3)

 

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Alle im Eine Welt Netz NRW sind sehr froh, dass Rangin Dadfar Spanta in letzter Minute noch ausreisen konnte. Das Scheitern dieses Militäreinsatzes darf nicht ohne Folgen bleiben. Das gilt besonders für ähnliche  Einsätze, wie z.B. in Mali. „Das Scheitern des Westens in Afghanistan bildet eine Zäsur für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik“ kommentiert Mike Szymanski am 18. August in der Süddeutschen Zeitung: „Wer auch immer die künftigen Bundesregierungen stellen wird, dürfte sich noch weitaus schwerer tun, als es ohnehin schon war, Rückhalt in der Politik und Akzeptanz in der Gesellschaft für gefährliche Auslandsmissionen der Bundeswehr zu finden.“ Besonders der Umgang mit den Menschen, die als Ortskräfte die Bundeswehr unterstützt haben und die nun um ihr Leben fürchten, empört auch uns im Eine Welt Netz. Mike Szymanski schreibt dazu: „Die Sicherheitslage in Afghanistan war zuletzt komplett falsch eingeschätzt worden, die Hilfe für Ortskräfte deutscher Institutionen kommt spät, für viele womöglich zu spät. Es war beschämend, mit anzusehen, wie die Ministerien über Wochen gegenseitig Verantwortung von sich geschoben haben. Ohne einheimische Mitarbeiter  wäre die Bundeswehr an keinem fernen Ort funktionsfähig, aber das Vertrauen, das dafür nötig ist, muss sie erst wieder mühsam aufbauen.“

„Im Augenblick geht es darum, Leben zu retten“

Mindestens 20.000 besonders gefährdete Menschen nach Deutschland holen

Photo by Sohaib Ghyasi on Unsplash

Von einer unbeschwerten Kindheit sind die Kinder in Kabul momentan weiter entfernt denn je

Nachdem sich die Bundesregierung in Afghanistan zu spät auf eine vollständige Machtübernahme der Taliban vorbereitet hat, muss die  Luftbrücke möglichst lange bestehen bleiben und ein humanitäres Kontingent von mindestens 20.000 Menschen für besonders gefährdete Personen zur Ausreise nach Deutschland zugelassen werden, erklärte der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) am 18. August 2021. Seit der weitgehenden Machübernahme der Taliban ist die humanitäre Lage in Afghanistan für große Teile der Bevölkerung dramatisch. Insbesondere Personen, die in den letzten 20 Jahren mit staatlichen oder nichtstaatlichen internationalen Organisationen zusammengearbeitet haben, sind gefährdet. Dies sind vor allem Frauenrechtler*innen, Menschenrechtsanwält*innen, unabhängige Journalist*innen und afghanische Mitarbeitende von Nichtregierungsorganisationen.

„Für diese Personen muss es sofort eine unbürokratische Möglichkeit zur Ausreise geben“, fordert Carsten Montag, Vorstandsmitglied von VENRO. „Im Augenblick geht es darum, Leben zu retten.“  

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Aber auch nach der Machtübernahme der Taliban muss es für humanitäre Akteure möglich sein, das Leid der betroffenen Bevölkerung zu lindern. Zum internationalen Tag der Humanitären Hilfe am morgigen Donnerstag fordert VENRO die Bundesregierung daher auf, alle diplomatischen Kanäle zu nutzen, um eine unabhängige Versorgung weiter zu gewährleisten. „Humanitäre Nichtregierungsorganisationen haben die Aufgabe, gerade in der Situation völliger Unsicherheit vor Ort zu bleiben und Sicherheit und Versorgung auf lokaler Ebene zu schaffen. Auch die großen UN-Organisationen müssen ihre Koordinierungsrolle wahrnehmen können“, so Montag weiter.

Die humanitäre Lage der Bevölkerung darf in der aktuellen Situation nicht aus dem Blick geraten: Das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR schätzt die Zahl der Binnenvertriebenen während der letzten Wochen auf mindestens 400.000, darunter 80 Prozent Frauen und Kinder. Zudem hat eine Dürre zu einem Anstieg der Nahrungspreise und einer allgemeinen Ernährungskrise geführt. So haben 18,4 Millionen Afghan*innen keinen ausreichenden Zugang zu Nahrung. Darüber hinaus ist die Dunkelziffer der COVID-19-Pandemie in Afghanistan hoch und droht, durch die Fluchtbewegungen weiter zu steigen.

Link zur VENRO-Stellungnahme „Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan: Besonders gefährdete Personen aufnehmen – humanitäre Arbeit vor Ort aufrechterhalten“

Spenden für Frauenrechte

Düzen Tekkal ruft mit HÁWAR.help zu aktiver Hilfe auf

Photo by Joel Heard on Unsplash

Angst und Ungewissheit empfinden die Frauen im ganzen Land. Dorfszene in der Region Badakhsan im Nordosten Afghanistans

Die Menschen in Afghanistan sind nicht sicher. Vor allem nicht die Frauenrechtsaktivistinnen. Die Taliban haben die Kontrolle über das Land zurückgewonnen. Frauenrechtsaktivistinnen, Journalistinnen, Politikerinnen und Künstlerinnen befinden sich in akuter Lebensgefahr. Viele versuchen verzweifelt, aus Afghanistan zu fliehen. Jede Frau, die nicht unter Taliban-Herrschaft leben möchte und sich dadurch deren Unterdrückung und Gewalt widersetzt, wird in Afghanistan somit gerade zur Frauenrechtsverteidigerin. Die Initiative HÁWAR.help und das Centre for Feminist Foreign Policy ruft zu Spenden für afghanische Frauenrechtsorganisationen auf. Die Frauen kämpfen gerade um ihre Sicherheit und ihr Leben. Die Initiative will ihnen den Rücken stärken und sie dabei unterstützen, dass sie auch übermorgen noch handlungsfähig und sichtbar sind.

Link zur Spenden-Website

Informationen und Stellungnahmen

Photo by Sohaib Ghyasi on Unsplash

Afghanistan ist ländlich geprägt. Reiten gehört zum Alltag. Wir fühlen uns den Menschen in Afghanistan verbunden

Kirsten Markwart, die zweite Vorsitzende unseres Mitgliedsvereins "Flüchtlingshilfe Hamm", erklärte am 18. August in einem Aufruf zu einer Kundgebung: „Was hier und dort gerade passiert, oder auch nicht passiert bzw. unterlassen wird, ist mit Worten kaum beschreibbar und stellt eine unglaubliche humanitäre Tragödie dar, die in dieser Form und diesem Ausmaß hätte vermieden werden können. Wenn man gegen jede Warnung, gegen jeden Appell, ein Land zum einen ein Land wie Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt und zum anderen alle Schutztruppen abzieht, muss man sich nicht wundern, wenn es innerhalb kürzester Zeit katastrophal scheitert. Die dramatischen Szenen am Flughafen von Kabul, die man im Internet findet, wecken bei manchen scheinbar nur ein müdes Schulterzucken, andere streuen darunter widerlichste Hasskommentare. Beides ist mehr als nur unangebracht und höchst gefährlich."

"Wir alle, überall, müssen endlich aufhören unser jeweiliges Land als eine Insel wahrzunehmen, die mit dem Geschehen im Rest der Welt nichts am Hut hat, sondern vielmehr als eine große, europäische oder besser noch globale Gesellschaft zusammenwachsen, die bei Not und Elend nicht wegschaut, sondern vielmehr ihre Privilegien teilt und Rassismus und Nationalismus keinen Zentimeter Raum gibt – dafür setzen wir uns mit aller Kraft und Motivation ein. Das ist unsere Verantwortung, vor der wir uns nicht verschließen dürfen“ so Kirsten Markwart.

Serge Palasie: "Perspektiven statt Militär"

Serge Palasie ist Eine Welt Fachpromotor für Migration und Entwicklung beim Eine Welt Netz NRW. Er schreibt: „Erst  wenn  sich  Menschen  vor  Ort  mehrheitlich  frei  – auch vom täglichen Existenzkampf  – fühlen, hätten wir einen erfolgreichen Beitrag zur Verteidigung unserer  eigenen  Freiheit  geleistet.  Denn Perspektiven  schaffen  mehr  Stabilität  als  jeder  militärische Erzwingungsapparat.  Mögen wir daraus unsere Lehren ziehen, etwa beim derzeit größten Auslandseinsatz der Bundeswehr  in Mali. Längt wurde das Land als „Afghanistan Afrikas“ bezeichnet. Wahr an diesem doch hinkenden  Vergleich ist: Auch hier geht es um die Verteidigung unserer Freiheit gegen international operierende Islamisten. Diese treffen auf einen fruchtbaren Nährboden: Wüstenbildung, ausländische  Rohstoffinteressen und wachsende Migrationsbewegungen aus und über Mali bedrohen die Stabilität.  Ein erneutes Geständnis der eigenen Fehleinschätzung im Nachhinein sollte keine Option sein dürfen.“

Link zur Stellungnahme von Serge Palasie

Initiative Seebrücke: Forderungen und Kundgebungen

Die Initiative Seebrücke hat eine Reihe von Forderungen an die Bundesregierung, darunter die sofortige Einrichtung einer Luftbrücke, um akut gefährdete Menschen und ihre Familien nach Deutschland zu holen sowie Schutz und Aufnahmeprogramme für Afghan*innen, die von den Taliban verfolgt werden. In zahlreichen Städten gibt es spontane Kundgebungen.

Link zur Initiative Seebrücke

 

Petition zu Afghanistan

Die Initiative WIR MACHEN DAS ist 2015 aus einem Netzwerk von 100 Frauen aus Kunst und Kultur, Wissenschaft, Journalismus und öffentlichem Leben unter dem Träger wearedoingit e.V. entstanden. Als gemeinnützige Organisation setzen sie sich in verschiedenen Projekten im Bereich Kultur und Öffentlichkeitsarbeit erfolgreich für die Anerkennung von Diversität, Stärkung und Partizipation im Kontext von Flucht und Migration ein. Bei Change.org haben sie eine Petition zu Afghanistan veröffentlicht und schreiben: „Wir sind in großer Sorge um unsere Partner*innen und ihre Angehörigen, insbesondere um alle Frauen, die sich in den vergangenen 20 Jahren zivilgesellschaftlich engagiert und sich für Grund- und Menschenrechte eingesetzt haben und die jetzt um ihr eigenes und das Leben ihrer Familien fürchten. Wir suchen nach Möglichkeiten, wie wir als Verein und als Frauennetzwerk helfen können.“

Link zur Petition

 

 

 

Eine Welt Netz NRW @ 2021
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