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Debatte zur Corona-Krise

Standpunkte zu Corona, dem globalen Süden und globaler Solidarität

Photo by Macau Photo Agency on Unsplash

Diese Seite sammelt Debatten-Beiträge zur globalen Corona-Krise und ist auch eine Einladung, sich selbst mit Texten und Link-Empfehlungen daran zu beteiligen. Im Vordergrund der allgemeinen Medienlandschaft stehen Berichte zu Corona in Deutschland, gefolgt von anderen europäischen Ländern und den USA und China. Was Corona für den globalen Süden bedeutet, das steht in der öffentlichen Debatte im Hintergrund, ebenso die Frage, wie sich die Corona-Krise auf die internationale Solidarität und das Eine Welt-Engagement auswirken kann.
Die Sammlung von Meinungen und Einschätzungen, die auf dieser Seite Schritt für Schritt entstehen wird, steht in ihrer Vielfalt und eventuell auch Widersprüchlichkeit für sich und gibt nicht unbedingt die Meinung des Eine Welt Netz NRW wieder.

Bitte mailen Sie Ihre Debattenbeiträge und Empfehlungen an

Manfred.Belle@remove-this.eine-welt-netz-nrw.de

Kongo: „Corona wird zur Überlebensfrage“

Empfehlung: Die Kolumne „Systemrelevant im Kongo“ bei ZEIT online

Photo by Ovinuchi Ejiohuo on Unsplash

Diese Empfehlung erreichte uns von Martin Block aus Köln: Die ZEIT-Kolumnistin Andrea Böhm widmet ihre Kolumne am 02. April 2020 der kongolesischen Gesundheitsarbeiterin Rose Amboko. Für sie werden die Erfahrungen mit Ebola entscheidend sein – und die Hilfe der reichen Länder.
Böhm fordert „genügend Geld, um auch die Bekämpfung anderer Krankheiten am Laufen zu halten. Hilfe gegen das Coronavirus auf Kosten von Hilfe gegen Tuberkulose und andere ansteckende Krankheiten kann am Ende mehr Leben kosten als retten.“ 
Die Nothilfe für Afrika mache einen Bruchteil dessen aus, was derzeit an Konjunkturprogrammen aufgelegt wird. „Kommt sie nicht, so kommt für Afrika die Katastrophe. Spätestens im Sommer“ so Andrea Böhm.

Link zur Kolumne „Systemrelevant im Kongo“ bei ZEIT online

Gisela Schneider: „Nicht nur an Corona denken“

Corona in Afrika: Es gibt Hoffnung, denn viele Länder haben früh reagiert

Photo by Brunel Johnson on Unsplash

In afrikanischen Ländern leben weniger alte Menschen. Ist das vorteilhaft bei Corona?

Gisela Schneider ist Ärztin und leitet seit 2007 das Deutsche Institut für Ärztliche Mission, das Mitglied im Eine Welt Landesnetzwerk in Baden-Württemberg ist. Im Gespräch mit Sebastian Drescher erläutert sie am 26. März 2020 in der Zeitschrift Welt-Sichten, warum Afrika bislang noch nicht so stark von der Corona-Pandemie betroffen ist: „Viele afrikanische Länder haben sehr früh reagiert. In Sierra Leone hat die Regierung bereits ab Ende Januar alle Einreisenden aus China für zwei Wochen in Quarantäne geschickt. Das hat offenbar dazu beigetragen, dass das Land hat bis heute keinen einzigen Corona-Fall gemeldet hat. Man kann hoffen, dass diese Maßnahmen die Ausbreitung etwas verlangsamen.“ Das Virus wird sich in Afrika weiter ausbreiten.  „Aber es wird sich anders auswirken als in Europa, weil die Bevölkerung in Afrika jünger ist."

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"Die Risikogruppe der älteren Menschen ist im Verhältnis viel kleiner. Ich glaube deshalb, dass es in Afrika kein zweites Italien geben wird.“ Social Distancing sei in den Slums von Nairobi oder Lagos absolut unrealistisch. „ Man sollte sich deshalb nicht nur auf den Kampf gegen das Coronavirus konzentrieren, sondern das gesamte Gesundheitssystem stärken. Sonst machen wir die gleichen Fehler wie zuvor bei anderen Epidemien auch."

Link zum Interview in der Zeitschrift Welt-Sichten

Jens Martens: Solidarität darf jetzt nicht enden

Drei Gründe, warum Corona den globalen Süden ökonomisch zurückwirft

Photo by Evgeny Nelmin on Unsplash

Selbstständige Kleinunternehmerinnen im globalen Süden sind durch die Corona-Krise größeren Risiken ausgesetzt.

Jens Martens und Bodo Ellmers vom Global Policy Forum befürchten, dass die Menschen in vielen Ländern des Globalen Südens die Krise wesentlich stärker zu spüren bekommen werden. In einem Briefing-Papier vom 18. März 2020 führen sie dafür drei Gründe auf: „Erstens befinden sich viele  Länder  des Globalen Südens bereits jetzt in einer sozialen, ökonomischen und politischen Krise, die  durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie noch verstärkt wird. Sie sind aufgrund ihrer strukturellen Schwächen verwundbarer und leiden länger  unter den Folgen der Krise. Zweitens können sich bestenfalls die reicheren Länder leisten, die Krise sozial und ökonomisch abzufedern. Sie verfügen über umfassende soziale Sicherungssysteme und haben finanzielle Rettungsschirme für  ihre  Wirtschaft  aufgespannt. Den meisten Ländern des Globalen Südens fehlt der finanzielle Spielraum für derartige Maßnahmen.

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Drittens verschaffen die finanziellen Hilfsmaßnahmen der Industrie- und Schwellenländer den dortigen Unternehmen Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren ohnehin oft schwachen Konkurrenten in den Entwicklungsländern. Sie verschärfen damit die Disparitäten zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, aber auch zwischen den ärmeren  Entwicklungsländern und Schwellenländern wie China. Um zu verhindern, dass die Coronakrise zu  einer globalen Entwicklungskrise wird, darf Solidarität nicht an Ländergrenzen enden. Die politischen Reaktionen der Regierungen auf die Coronakrise müssen vielmehr auch die weltweiten sozio-ökonomischen und ökologischen Folgen systematisch berücksichtigen.“ Darin liegt laut Martens auch eine Chance: „Die Regierungen hatten bereits beim SDG-Gipfel im September 2019 die dringende  Notwendigkeit  beschleunigten Handelns auf allen Ebenen betont und ein höheres Ambitionsniveau bei der weiteren Umsetzung der SDGs versprochen.“

Link zum Briefing-Papier des Global Policy Forums: „Die globale Coronakrise“

Matthias Horx: System reset!

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wir werden uns wundern

Foto: Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com)

Der Zukunftsforscher Matthias Horx sagt, dass Corona nicht irgendwann „vorbei sein wird” und alles wieder zur Normalität zurückkehrt: Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Diese Zeiten sind jetzt. Jede Tiefenkrise hinterlässt ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen. Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahrnehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

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Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden. Auch nach Corona gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen. Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Link zum Beitrag von Matthias Horx: Die Corona-Rückwärts-Prognose

Lebensgefährliche Fake News in Nigeria

Empfehlung: Gastbeitrag von Idayat Hassan aus Abuja bei ZEIT online

Photo by Muhammadtaha Ibrahim on Unsplash

Um interessengeleitete Desinformationen zu bekämpfen, muss die nigerianische Regierung Informationen bereitstellen, die sich an den Sorgen der Menschen orientieren, sagt Idayat Hassan.  Regierungsstellen wie die National Orientation Agency  sollten dabei auch die Zivilgesellschaft einbinden, um sicherzustellen, dass falsche Nachrichten schnell gekontert werden. Man müsse viel mehr tun „gegen diese zweite Pandemie, die der Fake News – denn sie erschwert den Umgang mit der Coronavirus-Krise ungemein.“ Idayat Hassan ist Direktorin des Centre for Democracy and Development (CDD) in Abuja in Nigeria, einem Thinktank, der zu Demokratie und Entwicklung in Westafrika arbeitet. Die Juristin und Entwicklungsexpertin war zuvor für die Bewegung gegen Korruption in Nigeria (MAC) tätig. Danke an Martin Block aus Köln für die Empfehlung dieses Debattenbeitrags!

Link zum Gastbeitrag von Idayat Hassan am 01. April 2020 bei ZEIT online

Yuval Noah Harari: Bürgersinn stärken!

Die Menschheit muss sich entscheiden zwischen Zwietracht oder Solidarität

Photo by Etienne Girardet on Unsplash

Tausche Freiheit gegen Sicherheit? Das wäre fatal, schreibt Yuval Noah Harari

Corona trifft die Welt in einer heiklen Phase: Biometrische Technologien ermöglichen eine tiefgreifende Massenüberwachung und sollen dazu genutzt werden, die Ausbreitung von Corona einzudämmen. Die Welt ist im Ausnahmezustand, und nicht selten verfestigen sich Notmaßnahmen zu dauerhaften Regierungsmustern. Doch die Menschen müssen nicht ihre Freiheit aufgeben, um ihre Gesundheit zu bewahren. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari ist durch seinen Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ populär geworden. In der „Financial Times“ veröffentlichte er ein Plädoyer, angesichts der Corona-Krise den Bürgersinn zu stärken und Totalitarismus zu bekämpfen.  „Viele kurzfristige Maßnahmen in der Not verfestigen sich zu neuen Gegebenheiten im Alltag. Das haben Krisen so an sich: Sie spulen historische Prozesse im Schnellgang vorwärts."

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"Entscheidungen, die in normalen Zeiten jahrelange Diskussionen brauchen, fallen jetzt innerhalb von Stunden. Unausgereifte, ja sogar gefährliche Technologien kommen zum Einsatz, weil Nichtstun das größere Risiko wäre.“ Yuval Noah Harari sieht die Gesellschaften in der Corona-Krise vor zwei Entscheidungen: zwischen totalitärer Überwachung und republikanischer Ermächtigung der Bürger; sowie zwischen nationalistischer Isolation und globaler Solidarität:

„Die Menschheit muss eine Entscheidung treffen. Gehen wir den Weg der Zwietracht oder wählen wir den Pfad der globalen Solidarität? Wenn wir uns für die Zwietracht entscheiden, verlängern wir nicht nur diese Krise, sondern verursachen in Zukunft wohl noch weit schrecklichere Katastrophen. Wenn wir uns aber für die globale Solidarität entscheiden, trägt uns das nicht nur den Sieg gegen das Virus ein, sondern gegen alle Epidemien und Krisen, die die Menschheit im 21. Jahrhundert treffen können.“

Eine Übersetzung von  Markus Schär erschien am 23. März 2020 in der Neuen Zürcher Zeitung. 

Link zum Text in der Neuen Zürcher Zeitung

Kristina Rehbein: Schulden-Erlass für Corona

Erlassjahr.de möchte Geld für Gesundheit nutzen statt für Rückzahlungen

Photo by Avinash Kumar on Unsplash

Zur Bekämpfung der Corona-Pandemie fordern immer mehr Länder im Globalen Süden Schuldenerlasse. Ecuador widmet eigenständig für die Rückzahlung von Schulden vorgesehene Gelder für die Bewältigung der Pandemie um. Das deutsche Entschuldungsbündnis erlassjahr.de fordert von der Bundesregierung, zugunsten der Bewältigung der weltweiten Krise auf die Schuldenrückzahlung betroffener Länder zu verzichten. Kristina Rehbein, politische Referentin von erlassjahr.de, sagt: „Viele Länder mit niedrigem Einkommen geben mehr Geld für den Schuldendienst als für die öffentliche Gesundheit aus – durchschnittlich viermal so viel. Es ist daher das einzig Richtige, zu verhindern, dass Gelder abfließen, die dringend zur Bewältigung der drohenden Notsituation benötigt werden."

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"Jedes Zögern würde die finanziellen, aber vor allem die sozialen Kosten vervielfachen. Wir fordern die Bundesregierung auf, die Maßnahmen der gefährdeten Schuldnerländer zu unterstützen.“

Der Präsident der Weltbank David Malpass schlug sogar eine Einstellung des gesamten Schuldendienstes an andere Regierungen vor. Anders als die europäischen Regierungen, haben die Verantwortlichen in zahlreichen afrikanischen Ländern aus den zahlreichen Pandemien des Kontinents gelernt und mit zeitigen und entschlossenen Maßnahmen ihre Länder selbst Corona-frei halten können. Eng werden kann es allerdings, wenn die finanziellen Mittel dafür nicht mehr ausreichen.

Pakistans Premierminister Imran Khan hat am 18. März 2020 als erster Staatschef eines ärmeren Landes über die Medien Schuldenerleichterungen für sein Land, aber auch den Erzrivalen Indien und weitere, unter anderem afrikanische Länder gefordert.

www.erlassjahr.de

Eine Welt Netz NRW @ 2020
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