Interview mit Hannes Sommerkamp, Letzte Generation
Hannes Sommerkamp, 18, ist Schüler und aktiv bei der Letzten Generation. Im Interview mit Klaas Janowsky redet er über seine Motivation, die Herausforderungen der Letzten Generation und die Erfolge des Protests.
Wir haben uns eher als so ein Feueralarm verstanden. Also als so eine Sache die einfach stört, die richtig nervig ist und die auch eigentlich von niemanden wirklich gemocht wird, aber die halt einfach da sein muss, weil diese Bedrohung eben da ist. Und die Bedrohung der Klimakatastrophe und den Feueralarm kann man halt ausstellen, aber das Feuer ist halt trotzdem da.
Klaas Janowsky: Erstmal willkommen zur digitalen Eine Welt Landeskonferenz, der 28., aber zweiten digitalen und herzlich willkommen Hannes!
Hannes Sommerkamp: Hallo.
Klaas Janowsky: Hannes, erzähl doch erstmal ein bisschen über dich.
Hannes Sommerkamp: Ich bin 18, gehe im Moment noch zur Schule und mach mein Abi, hoffentlich in drei Wochen dann, genau, und seit zwei Jahren engagiere ich mich bei der Letzten Generation, die sich ja jetzt umbenannt hat, bin da aktiv und versuche so mein politisches Engagement irgendwie zu machen neben der Schule.
Klaas Janowsky: Du bist jetzt seit ungefähr zwei Jahren dabei. Wie ist es dazu gekommen?
Hannes Sommerkamp: Im Mai 2023 gab es Razzien oder Hausdurchsuchungen gegen verschiedene Mitglieder der Letzten Generation und davor war ich auch schon immer Sympathisant würd ich behaupten und war so: „Gut was sie machen und kann man unterstützen“, aber irgendwie hatte ich nie so die Energie mich aufzuraffen und selber mitzumachen, weil das dann ja noch immer ne große Überwindung ist und dann kamen eben diese Razzien in ganz Deutschland. Da hab ich gesagt, ich nörgel die ganze Zeit rum, wie schlecht alles läuft, aber bin irgendwie selber nicht so wirklich aktiv und das war so der ausschlaggebende Punkt, wo ich gesagt habe: Jetzt werde ich aktiv, jetzt mach ich was und dann hab ich mich eben zum Vortrag angemeldet, bin dahin gegangen und hab mich dann der Letzten Generation angeschlossen – einfach auch aus dieser Wut heraus, dass die Menschen so kriminalisiert werden, die irgendwie da auf die Straße gehen.
Klaas Janowsky: Okay also würdest du sagen es war eher Wut als ein negativer Antreiber? Auch in den Medien hat die Letzte Generation viel Gegenwind bekommen, verschiedenste Worte wurden gefunden, aber dennoch hat die, damals die Letzte Generation heißende Organisation immer weiter gemacht. Kam diese Energie hauptsächlich aus Wut oder würdest du da auch noch andere Faktoren sehen?
Hannes Sommerkamp: Ne ich glaube, also ich glaube Wut war so… Wut ist auch ein starkes Wort. Aber Wut war manchmal so der Antrieb, so der erste Antrieb würde ich sagen. Aber ganz oft war es auch eben dieses aus der Ohnmacht rauskommen, weil irgendwie hat man sich unwirksam gefühlt und auf Demos mitlaufen war schön und gut, aber irgendwie wollte ich mehr machen. Das war halt irgendwie dieser… der Moment, wo ich hoffnungslos war und ich wollte aus dieser Hoffnungslosigkeit wieder rauskommen und das hab ich glaub ich ganz viel dadurch geschafft, dass ich eben da aktiv geworden bin. Also das war jetzt nicht nur so dieser negative Aspekt von wegen die Wut, die mich dazu angetrieben hat, sondern auch dieses Gefühl davon irgendwas tun zu können, irgendwie aktiv zu sein und nicht nur zu Hause rumzusitzen und irgendwie zu warten, dass irgendwer anders was für mich macht.
Klaas Janowsky: Und hat sich diese Hoffnung erfüllt, welche Erfolge siehst du?
Hannes Sommerkamp: Gut das ist immer eine schwierige Frage, also ich würde sagen, erstmal hat es die Letzte Generation geschafft, das Thema so in den Medien hochzuhalten. Also ich finde man sieht, nachdem die Letzte Generation aufgehört hat mit den Blockaden, dass das Thema Klima noch weiter untergegangen ist. Also in diesem Wahlkampf hat’s eigentlich gar kein Thema mehr gespielt. Genau man muss natürlich zugeben, also ist jetzt klar: Wir haben nicht die Forderungen, die wir gestellt haben, durchsetzen können, deswegen haben wir auch unsere Strategie abgeändert. Aber ich würde sagen das ist einfach auch schon ein Gewinn, dass da Menschen zusammen gekommen sind, die irgendwie miteinander protestieren, die irgendwie in anderen Gruppen sich vernetzt haben und irgendwie eine Gemeinschaft aufgebaut haben und ich glaub das ist so ein Gewinn der Bewegung, die man irgendwie auch jetzt hat und die auch fortbesteht. Also die jetzt nicht einfach wegfallen, weil die Bewegung sich umbenannt hat.
Klaas Janowsky: Also war die Gemeinschaft auch gerade für junge Engagierte besonders wichtig, sich da zu engagieren also gab es ein starkes Verbundenheitsgefühl?
Hannes Sommerkamp: Ich glaub schon, wenn man sich da auf die Straße gesetzt hat und irgendwie festgeklebt hat, mit sechs anderen Leuten oder so, dann war es schon ein Gefühl von Gemeinschaft und ich glaube, hätte es die Gemeinschaft nicht gegeben, dann wär auch niemand in solche Proteste gegangen, weil die Proteste waren anstrengend, nicht so geil, aber ich glaub das hätte man nur mit Menschen oder macht man nur mit Menschen, die man irgendwie auch lieb hat und wo man sagt, mit denen fühl ich mich auch sicher im Protest und ich glaub das war halt gegeben bei der Letzten Generation.
Klaas Janowsky: Du hast eben auch schon die Bundestagswahl angesprochen und den Wahlkampf insbesondere. Jetzt sind die Ergebnisse ja bekannt, die offiziellen Ergebnisse stehen fest, welche Gedanken hast du dazu gerade in Bezug auf junge Menschen, auf die Polarisierung die immer hoch angesagt wird?
Hannes Sommerkamp: Erstmal ist das Wahlergebnis einfach für viele Leute ja schockierend gewesen, für mich auch, wenn man sieht, dass die AfD bei 20 Prozent landet ungefähr und die CDU auch bei ungefähr 30 Prozent, wo ich sagen würde, das ist keine Partei für die jungen Menschen. Aber man hat ja gleichzeitig gesehen, junge Menschen haben irgendwie nicht nur zugesehen sondern auch gewählt und vor allem relativ viel links gewählt. Ich glaube das ist so ein Zeichen davon, dass die Menschen sich eben nicht damit abgeben, wie es grade läuft in der Politik und irgendwie sich trotzdem engagieren.
Ich glaube aber, es ist einfach sehr schwer in der Politik, sich wahrgenommen zu fühlen als junger Mensch, weil wir eben sehen: Die jungen Menschen machen mega wenig Prozente aus bei den Wahlen, weil es viel viel mehr ältere Leute gibt und weil die Politik halt auch hauptsächlich aus Leuten besteht, die nicht unter 30 sind, im Bundestag zum Beispiel, und ich glaub viele Menschen fühlen sich einfach nicht ernst genommen und ich glaub das kann ich für mich auch so sagen.
Klaas Janowsky: Du spielst mir perfekt den Ball zu, weil im Zusammenhang mit der Letzten Generation fielen oft die Begriffe Generationskonflikte, junge Menschen gegen alte Menschen, gegen die alte Politik. Würdest du auch sagen, diesen Konflikt gibt es?
Hannes Sommerkamp: Also ich würd sagen nicht junge Menschen gegen alte Menschen, also wenn man sich die Letzte Generation anguckt, so Altersspannen mäßig, es gibt so relativ viele studierende Menschen und es gibt aber auch sehr sehr viele Leute die in die Rente… also in der Rente sind zum Beispiel aus der Anti Atomkraftbewegung. Also ich würde sagen wir sind gar keine so junge Bewegung wie Fridays for Future zum Beispiel, aber es ist schon so eine Bewegung gegen, also gegen die Politik, gegen die Regierung in dem Moment, weil wir eben gesagt haben, dass die Ampel und jetzt wahrscheinlich auch die GroKo nicht den Klimaschutz machen wird, den es eigentlich bräuchte, deshalb haben wir uns schon klar gegen die Regierung gerichtet.
Aber ich glaub es war jetzt nicht so ein auf den älteren Menschen rumhacken für das, was sie vor 20 Jahren getan haben. Ich glaube, das würde auch irgendwie zu kurz kommen, weil damals war auch das Problembewusstsein eigentlich noch nicht da und wir haben uns dann eher schon an die Regierung gerichtet und nicht an die älteren Generationen. Und dennoch wurde ja davon, also von der Kritik auch an der Letzten Generation deutlich mehr geredet als von den Zielen.
Klaas Janowsky: Fühlst du dich verstanden, nicht nur von der älteren Generation, aber auch gesellschaftlich als Mitglied der Letzten Generation?
Hannes Sommerkamp: Ich würd sagen Jein. Also auf der einen Seite wenn man mit Menschen… also ganz viele kennen ja die Menschen, die bei der Letzten Generation sind, gar nicht, weil sind ja jetzt nicht irgendwie eine Million Menschen und die haben leider ganz oft diese Vorurteile von wegen „das sind irgendwelche Spinner, die gehen nicht arbeiten, die können nichts und die haben Bock irgendwelche Sachen zu zerstören“. Und ich glaube, sobald man mit Menschen überhaupt darüber spricht, was man macht, gehen diese Vorurteile schnell weg und dann ist das Verständnis öfter da, aber klar die Ablehnung der Protestform und auch der Ziele und dieser Bewegung generell ist einfach da. Und ich verstehe es ja auch. Ich glaube, ich würde mich auch nicht freuen, wenn sich irgendwer vor mein Auto setzt, wenn ich zur Arbeit fahren möchte.
Aber wir haben uns ja auch nicht den Protest ausgesucht, weil wir irgendwie mega beliebt sein wollten, oder weil wir eben gesagt haben, wir wollen dass 90 Prozent hinter uns stehen, sondern wir haben uns eher als so ein Feueralarm verstanden. Also als so eine Sache die einfach stört, die richtig nervig ist und die auch eigentlich von niemanden wirklich gemocht wird, aber die halt einfach da sein muss, weil diese Bedrohung eben da ist. Und die Bedrohung der Klimakatastrophe und den Feueralarm kann man halt ausstellen, aber das Feuer ist halt trotzdem da und das haben sie ein bisschen jetzt geschafft. Aber ich will trotzdem sagen, dass diese 2, 3 Jahre, wo wir das gemacht haben, auf jeden Fall notwendig waren und das Verständnis war vielleicht nicht von allen da, aber ich glaube, dass man mit den Leuten, mit denen man direkt ins Gespräch gekommen ist, dass man da gesehen hat: Okay sie können zumindest nachvollziehen, warum wir das machen, obwohl sie vielleicht die Protestform nicht unterstützen.
Klaas Janowsky: Okay vielen Dank. Wenn ihr euch als Feueralarm seht: du sagst ja ihr habt nicht auf Beliebtheit gezielt oder auf breite gesellschaftliche Akzeptanz, aber ein Feueralarm soll ja wachrütteln und wenn ich dich richtig verstehe, glaubst du es hat geklappt, oder wurde der Feueralarm ausgestellt?
Hannes Sommerkamp: Also ich glaube er hat in den Protesten auf jeden Fall funktioniert. Ich meine, es gibt so Statistiken, wo aufgesplittet ist, wie viel jeweils über die Proteste, über die Bewegungen berichtet wird und man sieht so bei den Protesten, die Demos sind, von Fridays for Future am Anfang, die haben einen kleineren Ausschlag und bei der Letzten Generation ist der konstant sehr hoch. Also man sieht, die Medien haben darüber berichtet. Und klar, da sind dann auch Berichte von der Bild oder so dabei, wo man sagt, da ist wirklich null Inhalt drin, da wird eigentlich nur darüber geredet, wie wir protestieren. Aber immer wieder kommt es ja auch dann davor, dass die Menschen sich damit beschäftigen, warum wir auf der Straße sind und auch die Medien, weil sie ja auch eine gewisse Verantwortung haben, auch darüber zu sprechen, warum wir auf der Straße sind.
Im Protest selber, ich würde sagen, allein die Reaktionen des Staates haben gezeigt, dass wir auf jeden Fall genug gestört haben, also die Razzien, die Anklagen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, dass Menschen monatelang ins Gefängnis gesteckt werden dafür. Das sind ja die Repressionen, die erst dann kommen, wenn wir genug stören. Ich glaube, das hat funktioniert, aber im Großen und Ganzen muss man natürlich sagen, dass der Plan, so wie wir ihn dann am Anfang gesagt haben und aufgestellt haben, nicht aufgegangen ist. Allein weil wir nicht mehr die Letzte Generation vor den Kipppunkten sind, weil diese Kipppunkte einfach leider schon erreicht sind und wir einfach sehen, dass manche Sachen in Sachen Klima einfach nicht mehr aufzuhalten sind.
Klaas Janowsky: Jetzt ist es gerade etwas ruhiger geworden um die Letzte Generation, aber geht es weiter?
Hannes Sommerkamp: Ja es geht natürlich weiter. Also wir haben zwei Folgeprojekte entwickelt. Einmal die neue Generation und einmal das Widerstandskollektiv.
Das Widerstandskollektiv setzt vor allem darauf Klimaschutz selber zu machen, weil wir eben sagen okay die Regierung ist gar nicht mehr so wirklich erreichbar, dadurch dass sie eben viel mit Lobbyismus beschäftigt ist, dass sie einfach nicht wirklich auf die Bedürfnisse der Menschen hört. Also setzen wir es einfach selber um. Wir würden Schilder abmontieren, wir entsiegeln Flächen, wir sprühen Radwege einfach selber oder so, in die Richtung.
Und die neue Generation möchte ein Parlament der Menschen errichten, also wo, so ähnlich wie Bürgerräte, wo Menschen zusammenkommen die zufällig ausgelost werden und halt darüber entscheiden, wie es in dieser Gesellschaft besser und solidarischer gehen könnte. Und wir in Münster haben uns kollektiv dem Widerstandskollektiv angeschlossen, also werden Klimaschutz in den nächsten Wochen selber machen.
Klaas Janowsky: Jetzt mal ein bisschen weg von der Letzten Generation und hin zum Engagement, was ja auch unser Hauptthema ist, für globale Gerechtigkeit. Warum glaubst du ist es wichtig, dass sich vor allem junge Menschen jetzt engagieren?
Hannes Sommerkamp: Ich glaube, erst einmal um eben nicht in dieser Ohnmacht hängen zu bleiben, also irgendwie das Gefühl haben aktiv zu werden. Und ich glaube, es gibt ja einfach unglaublich viele Möglichkeiten. Also man muss ja nicht irgendwie Zivilen Ungehorsam machen. Man kann ja Demos organisieren. Man kann Workshops geben, man kann Social Media Arbeit machen, all das hilft ja schon ein Stück dabei. Und ich glaube das geht eh, also eine Veränderung wird nicht kommen, nur weil es eine Protestform gibt, sondern alles zusammen wird die Veränderung bringen.
Und ich glaube, weil junge Menschen einfach die Zukunft sind. Also ich meine es geht halt darum, dass wir in 50 Jahren hier noch gut leben und wenn ich daran denke, Leute die 70 sind werden wahrscheinlich nicht 120. Also ich würde sagen, es geht darum, dass wir selber mitentscheiden können, wie unsere Zukunft aussieht und ich glaub da ist Aktivismus und Engagement irgendwie ein wichtiger Schritt, eben um nicht in dieser Ohnmacht zu bleiben und gleichzeitig die Zukunft mitzugestalten, in der wir dann leben können.
Klaas Janowsky: Das leitet perfekt deine Abschlussworte ein. Zum Abschluss, viele fühlen diese Ohnmacht von der du eben auch gesprochen hast, ich glaube jeder kennt es manchmal, dass der Aktivismus, das Engagement sich nicht so wirkungsvoll anfühlt wie man das manchmal gerne hätte. Was würdest du anderen Engagierten aller Generationen gern noch mitgeben?
Hannes Sommerkamp: Ich glaube einfach erstmal, dass es okay ist manchmal keine Hoffnung zu haben. Also Hoffnung bedeutet ja nicht, dass man irgendwie immer denkt, alles wird gut und richtig optimistisch zu sein, sondern einfach zu wissen, dass das, was man macht, funktionieren kann. Und so eine Woche, wo man einfach keine Hoffnung, hat ist normal. Aber ich glaube, wenn man sich anguckt, wie viele Bewegungen es gibt, wie viele Menschen aktiv sind und wie es auch in der Vergangenheit schon funktioniert hat. Also es gibt Bewegungen die ja schon Sachen geschafft haben, wo alle gesagt haben, das ist unmöglich, zum Beispiel 40 Stunden Woche einzuführen oder sowas, das war ja vor ein paar Jahrhunderten einfach nicht vorstellbar und jetzt ist es halt einfach da.
Ich glaube daran kann man einfach sagen, es muss nicht funktionieren, aber es wird funktionieren, wenn man weitermacht. Und wenn ich mir anschaue wie viel Bewegung es gibt, dann bin ich einfach immer mega glücklich, dass sich so viele Menschen engagieren und wenn wir weitermachen dann kann die Politik nicht um uns herum kommen, sondern wird irgendwann auf uns eingehen müssen und dann wird es wahrscheinlich auch Merz checken. Hoffentlich.
Klaas Janowsky: Vielen Dank Hannes. Schön, dass du bei uns warst und viel Erfolg weiterhin, vor allem beim Abitur.
Hannes Sommerkamp: Danke!