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Globale Solidarität und Nachhaltigkeit

Unsere Positionen für die Welt während und nach Corona

Photo by Taylor Brandon on Unsplash

Die Arbeitsgemeinschaft der Eine Welt-Landesnetzwerke in Deutschland (agl) setzt sich zusammen mit den Eine Welt-Landesnetzwerken und tausenden lokalen Initiativen in Deutschland für die Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements für nachhaltige Entwicklung ein. Denn in Corona-Zeiten müssen die Bewältigung der Klimakrise und global gerechtes Wirtschaften wieder nach oben auf die Agenda. Bei der Erreichung der globalen Entwicklungsziele (SDGs) darf es keine weiteren Rückschritte geben. Das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland ist als Antwort darauf fundamental, denn global gerechte Nachhaltigkeit und globale Solidarität müssen von den Menschen vor Ort gelebt werden – vom Dorf bis zur Großstadt. Und es geht um Vernetzung und Unterstützung internationaler Zusammenarbeit zivilgesellschaftlicher Partner*innen über den Globus.

Dieses Engagement ist jetzt wichtiger denn je – damit die Post-Corona-Welt eine nachhaltige und solidarische Welt wird. Zivilgesellschaftliche Initiativen müssen jetzt mehr denn je gestärkt werden. Denn Zivilgesellschaft vor Ort ist das Rückgrat einer global gerechten und nachhaltigen Gesellschaft und der Schlüssel für eine solidarische Bewältigung der Corona-Krise.

Download des Positionspapiers (pdf)

Tourismus in Pandemie-Zeiten

Interview mit Antje Monshausen, Brot für die Welt

Photo by Daniel Schludi on Unsplash

Tourism Watch engagiert sich als Fachstelle von Brot für die Welt gemeinsam mit ökumenischen Partner*innen aus aller Welt für einen nachhaltigen, sozial verantwortlichen und umweltverträglichen Tourismus. Dieses Interview wurde im Sommer 2021 von Vera Dwors geführt.

Was bedeutet die Corona-Krise für den weltweiten Tourismus und für die Menschen, die in dem Sektor arbeiten?
Antje Monshausen:
Weltweit hängt jeder zehnte Arbeitsplatz am Tourismus – dazu zählen die direkten Anstellungen, genau wie die nach- und vorgelagerten Tätigkeiten. Das sind beispielsweise die Taxifahrer*innen, die Arbeiter*innen in den Wäschereien und sonstigen Zulieferbetriebe aus Landwirtschaft und Produktion, die direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen.

Bereits 2020 haben wir Jobverluste in einer Größenordnung von 100 bis 120 Millionen Personen gesehen – und das von derzeit schätzungsweise 300 bis 360 Millionen Arbeitsplätzen rund um den Tourismus. Die Zahlen haben sich noch lange nicht erholt.
Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass vor allem die informellen Jobs weggefegt wurden. Diese machen immerhin einen Anteil von fast 50 Prozent im Tourismus weltweit aus. Das sind Menschen, die keinerlei soziale Absicherung haben und nicht auf staatliche Hilfen zugreifen können. Auch die vielen Leiharbeitskräfte in den Hotels, die nur auf Zeitverträgen arbeiten, haben keinerlei Unterstützung erfahren. Viele sind deshalb mittlerweile vom Tourismus abgewandert und versuchen sich in anderen Sektoren. Davon sind auch viele Kleinst-Unternehmen betroffen: Taxi- oder Tucktuckfahrer*innen geben auf, genau wie kleine Restaurants oder Ausflugsanbieter. Damit geht eine wichtige Ergänzung zu den großen Hotels verloren. Viele Reisenden wünschen und erwarten aber gerade auch dieses authentische Flair in ihrem Urlaubsland. Da wächst mittlerweile sogar die Sorge der Touristikunternehmen, dass ihre Angebote unattraktiver werden.

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Wie siehst du es denn mit Blick auf die Impfungen? In Deutschland sind bis Juli 2021 mehr als 50 Prozent der Bevölkerung geimpft. In unseren internationalen Netzwerken führen wir zunehmend Diskussionen über die gerechte Verteilung der Vakzine. Was bedeutet das für den Tourismussektor und für die Länder, die vom Tourismus abhängig sind?
Antje Monshausen: Die Erkenntnis „Corona ist erst vorbei, wenn es für alle vorbei ist“, trifft für den Tourismus natürlich besonders zu. Wir sehen, dass ein großer Teil der Vakzine in den Ländern des reichen Nordens verbleiben. Global gesehen liegt die Quote der vollständig Geimpften derzeit bei nur 10 Prozent. Das ist  der Stand, den Deutschland im März 2021 erreicht hat. Zu der Zeit standen die besonders vulnerablen und systemrelevanten Gruppen im Mittelpunkt. In den Ländern des Südens reichen auch heute die Impfstoffe noch nicht für die besonders gefährdeten und exponierten Teile der Bevölkerung. Dabei geht die WHO davon aus, dass mit den fast drei Milliarden bisher verteilten Impfdosen, alle alten Menschen sowie das Personal im Gesundheitsbereich weltweit hätten geschützt werden können. Im globalen Vergleich betrachtet, ist der Impffortschritt bei uns enorm – und das auch, damit wir wieder unbeschwert reisen können.
Umfragen haben ergeben, dass der Stellenwert des Themas Sicherheit bei den Reisenden stark gestiegen ist. Die Menschen wollen dahin reisen, wo sie sich auch zu Pandemiezeiten sicher fühlen. Einige Zielländer versuchen das zu berücksichtigen und haben mittlerweile damit begonnen, vor allem im Tourismussektor zu impfen.

Also sind Impfquoten mittlerweile zum Wettbewerbsvorteil geworden? Regt sich da kein Widerstand bei den Menschen, die so noch weniger Chancen auf eine baldige Dosis haben?
Antje Monshausen: Länder, die eine hohe Abhängigkeit vom Tourismus haben – wie beispielsweise die kleinen Inselstaaten – impfen prioritär im Tourismussektor. Teile der Karibik oder Inseln wie die Malediven und die Seychellen haben eine vergleichsweise hohe Impfquote. Im Rahmen der russischen und chinesischen „Impfdiplomatie“ haben sie viele Impfdosen erhalten. Die Seychellen haben beispielsweise eine Impfquote von 70 %. Trotzdem besteht weiterhin ein Risiko – immerhin ist ein Drittel der Bevölkerung noch nicht geimpft –die 7-Tage Inzidenz liegt deutlich über 100 je 100.000 Einwohnern. Und selbst eine ernste, aber mildere Erkrankung bereits Geimpfter kann in einem Land mit schlechter aufgestelltem Gesundheitssystem schwere Folgen haben. Ein anderes Beispiel ist Ägypten. Ein Land mit einer Impfquote von bisher nur einem Prozent – hier hat der Tourismus Priorität. Das Hotelpersonal gilt dort als besonders exponiert und gefährdet. Das stimmt zwar – trotzdem warten z.T. Personen im Gesundheitssystem weiter auf die benötigten Schutzimpfungen.  

Regt sich da kein Widerstand? Die Diskussionen um diese ungerechte Verteilung der Impfstoffe und die Forderung nach einer Freigabe der Patente bleiben doch laut?
Antje Monshausen: Was wir wahrnehmen ist, dass die Menschen in den besonders vom Tourismus abhängigen Regionen oftmals froh sind, weil die Hoffnung besteht, dass sie wieder Einkommen erwirtschaften können. Und da dürfen wir auch nicht zynisch sein – diese hohe Abhängigkeit hat sich in den letzten Jahren auch durch unser Reiseverhalten verstärkt. Der Großteil der Menschen, die in Entwicklungs- und Schwellenländer reisen, machen dort Urlaub in großen Strandresorts mit Halbpension oder all-inclusive zu vergleichsweise günstigen Preisen.
Genau diese Angebote sind jetzt im Vorteil. In der Dominikanischen Republik wurden Hotelrezeptionen zu Impfstationen umfunktioniert, um das eigene Personal zu impfen. Die Versorgung der kleinen Anbieter*innen im Umland ist dadurch aber oft nicht gesichert. Das fördert das All-Inklusive Modell. Dabei reicht es nicht aus, wenn Tourist*innen kommen – sie müssen das Hotel dann auch verlassen, damit zum Beispiel Tourguides wieder Arbeit finden, wie unser aktueller Artikel aus der Türkei zeigt. Tourismus braucht die Möglichkeit sicherer Begegnungen – nicht nur im Hotel, sondern auch bei Ausflügen und Touren.

Wo siehst du den Weg aus diesem Dilemma? Stecken da trotzdem Chancen drin? Welche Möglichkeiten hat der Tourismus in den Ländern des Südens?
Antje Monshausen: Es fällt mir schwer, der aktuellen Situation etwas Positives abzugewinnen – dafür ist die Situation gerade für die Kleinunternehmen, die Solo-Selbständigen und die Menschen im informellen Sektor des Tourismus einfach zu dramatisch. Ein kleiner, positiver Zeiger scheint jedoch auch im Tourismussektor auszuschlagen, wenn wir auf die aktuellen Nachhaltigkeitsdiskurse und die Diskussion rund um Resilienz – also Krisenfestigkeit unserer Wirtschaftsmodelle schauen. Wir haben als tourismuskritische, zivilgesellschaftliche Organisation lange beschrieben, dass die Abhängigkeit vom Tourismus ein gefährlicher wirtschaftspolitischer Pfad ist und der Tourismus nicht die tragende Säule einer Wirtschaft sein sollte, weil der Sektor sehr krisenanfällig ist. Länder des Südens erleben immer wieder, dass auf Grund externer Schocks der Tourismussektor einbricht. Wenn in den Medien über politische Unruhen oder über hohe Kriminalitätsraten berichtet wird, bleiben internationale Gäste weg. Genauso bei Erdbeben, Waldbränden oder Dürreperioden. Im Angesicht des Klimawandels  brauchen wir deshalb dringend eine Diskussion darüber, wie der Tourismus seinen Beitrag zu Klimawandel reduzieren kann, aber auch darüber wie die Resilienz des Tourismus erhöht werden kann. Da spielt die Stärkung des nationalen und regionalen Reisens eine Rolle, die wir seit der Corona-Pandemie auch im globalen Süden sehen können. Das heißt – optimistisch gedacht – sorgt Corona dafür, dass die Reiseländer sich nun besser vorbereiten auf weitere, noch bevorstehende Schocks und Krisen, die häufiger werden.

Können wir als Reisende hier in NRW auch etwas dazu beitragen, dass nicht nur unbeschwerter Urlaub für uns möglich ist, sondern auch die Gesundheit und das Einkommen der Menschen im Süden sicher sind?
Antje Monshausen: Ich sehe hier das ganz große Bedürfnis der Menschen, wieder reisen zu können und den alten Tourismus zurück zu bekommen. Gleichzeitig ist jedoch auch die zunehmende Sensibilisierung zu erkennen, dass wir nicht zum alten Konsumverhalten zurückehren. Beides wird bleiben. Es gibt eine erhöhte Nachfrage nach verantwortungsvollem Reisen und gleichzeitig auch den Wunsch, einfach unbeschwert abschalten zu können. Das Thema Flugscham wird wieder kommen zugleich auch die Diskussion um Overtourism. Corona wird keinen der Trends, die es vor der Pandemie gab, abschaffen – im Positiven, wie im Negativen.

Antje Monshausen: Ein ganz deutlicher Apell noch zum Schluss: Wir dürfen den Fokus nicht nur auf unsere eigene Sicherheit legen. Es geht nicht nur um Quarantänen und Phasen der Selbst-Isolation nach unseren Ferien. Auch wenn wir durchgeimpft sind, ist es wichtig, auf Reisen besonders vorsichtig zu sein, Rücksicht zu nehmen und die Hygiene-Regeln einzuhalten. Durch Selbstisolation vor dem Urlaub und regelmäßige Tests können wir dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus an unserem Zielort zu verhindern. Wir reisen im Zweifel fast überall auf der Welt in fragilere Gesundheitssysteme mit niedrigeren Impfquoten – deswegen sollten wir uns überall so verhalten, als wären wir bei einem Freund, einer Freundin zu Besuch, der oder die keinen Zugang zu einer Impfung haben.

www.tourism-watch.de  (Artikel im „Informationsdienst 105“)

https://www.tourism-watch.de/de/schwerpunkt/wettbewerbsvorteil-gesundheit

https://www.tourism-watch.de/de/schwerpunkt/fuer-guides-wird-es-noch-schwieriger 

Der Infodienst kann kostenfrei per Mail abonniert werden.

Instagram: tourismwatchinfo

Zukunftsgestaltung nach Corona

Gemeinsame Erklärung der Netzwerke aus Lünen und Hamm

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Das Forum für Umwelt und gerechte Entwicklung in Hamm (FUgE) und die Lüner Initiative gegen globale Armut in Lünen (LIGA) haben im September 2020 gemeinsam eine Erklärung „Für eine Erneuerung unserer Gesellschaft – Zukunftsgestaltung nach Corona“ abgegeben. Mit dieser Erklärung machen sie deutlich, dass wir weit hinter dem zurückbleiben, was getan werden muss. Wir setzen uns oftmals über das hinweg, was die Wissenschaft als notwendig erachtet, um die katastrophalen Auswirkungen der Krisen zu verhindern. Nun gilt es das Notwendige zu tun. Die vorliegende Broschüre ergänzt die Vorstellungen der beiden Herausgeber um Fakten und Hintergründe. FUgE in Hamm und LIGA in Lünen sind Netzwerke für engagierte Gruppen sowie Einzelpersonen aus dem Eine - Welt- und Umweltbereich.

Download der gemeinsamen Erklärung als pdf

Download der Broschüre als pdf

www.liga-luenen.de 

www.fuge-hamm.org

Zivilgesellschaft unter Druck

Ein Beitrag von Simon Ramirez-Voltaire

Photo by Rachael Henning on Unsplash

„Unser verstärkter Einsatz sollte jetzt dem Ziel gelten, Gesellschaften offen zu halten, Debattenräume zu erhalten und die Anstrengungen für die Welt-Entwicklungsziele (SDG) zu steigern. Dafür wird Zivilgesellschaft mehr gebraucht denn je, auch oder gerade in Zeiten von Corona.“ So schreibt Dr. Simon Ramirez-Voltaire, Geschäftsführer der AG der Eine Welt Landesnetzwerke, im Leitartikel der aktuellen Ausgabe der „Positionen“, der Zeitschrift des Eine Welt Landesnetzwerks in Niedersachsen. Viele Eine Welt-Aktive hören von ihren internationalen Partner*innen, wie deren Arbeitsbedingungen zunehmend erschwert werden – durch behördliche Schikanen, Kriminalisierung bis hin zu Morddrohungen. Studien bestätigen: Zivilgesellschaftliche Spielräume nehmen seit Jahren weltweit ab.

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Eine herabwürdigende Rhetorik gegenüber Frauen, Migrant*innen, politischen Gegner*innen wie auch gegenüber kritischen Medien errichtet inzwischen in vielen Ländern Mauern in den Köpfen der Menschen. Das erschwert die Arbeit der Zivilgesellschaft. „Feindeslisten“ von rechtsextremen Gruppen, z. T. mit Verbindungen zu Polizei und Bundeswehr, beunruhigen. Zivilgesellschaft unter Druck – das Thema hat durch Corona nicht an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Weltweit wird die Pandemie genutzt, um Menschenrechte und zivilgesellschaftliche Freiheiten einzuschränken und Kritiker*innen zum Schweigen zu bringen. Aber: „Krisen haben es so an sich, dass vieles auf den Prüfstand gestellt wird und Umdenkprozesse einsetzen. Das bietet Chancen für einen nachhaltigen und sozial gerechten Wiederaufbau. Dies wird jetzt verhandelt – und Zivilgesellschaft hat darin ihre Aufgaben“ – schreibt Simon Ramirez-Voltaire in seinem Leitartikel.

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Gestaltungsaufgabe für Gerechtigkeit

Die Corona-Krise beschleunigt die Digitalisierung des Eine Welt Engagements

Photo by Markus Spiske on Unsplash

„Unter dem Druck der Corona-Krise haben zivilgesellschaftliche Akteure hohe Flexibilität und  Innovationskraft bewiesen und Arbeitsprozesse und Kommunikation im Eilverfahren digitalisiert“ – so werben wir für die Studientagung „Digitale Agenda 2030“, die vom Eine Welt Netz NRW und der Stiftung Umwelt und Entwicklung unterstützt wird. Die Corona-bedingte Digitalisierung im Eilverfahren war für viele Engagierte ein Sprung ins kalte Wasser - und für einige zugleich ein Sprung über den eigenen Schatten, wenn man bedenkt, dass Technikskepsis und –kritik vielen näher sind als große Begeisterung über Apps und digitale Medien. Zumal diese Skepsis sehr berechtigt ist, denn die Potenziale der Digitalisierung für Nachhaltigkeit sind alles andere als Selbstläufer:

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„Fake News; Social Credit Scores; Erosion zivilisatorischer Standards im Internet; Probleme von Regierungen, Unternehmen, die in digitalen Räumen agieren, angemessen zu besteuern; Politik, die durch die Anforderungen beschleunigter Digitalisierung überfordert scheint – all dies sind nur einige pathologische Effekte ungehemmter Entwicklungen.“ So beschreibt es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), der seit vielen Jahren zu den wichtigsten Impulsgebern für das Eine Welt Netz zählt. „Die Gutachten des WBGU sind unersetzliche Nachschlagewerke und Quellen für die internationale Umwelt- und Entwicklungspolitik. Jede Institution, die sich mit dem drängenden Problem von Umwelt und Entwicklung befasst, sollte über diese Werke verfügen.“ (Prof. Dr. Klaus Töpfer, 1998-2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen)

Im Jahr 2019 legte der WBGU sein jüngstes Gutachten vor: „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“. So wie der Brundtlandt-Bericht mit dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“ 1987 das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung entworfen hat, skizziert der WBGU heute das Konzept der globalen digitalen Nachhaltigkeitsgesellschaft. Die Analysen des WBGU zeigen, dass Digitalisierungsdynamiken massive Auswirkungen auf alle 17 SDG haben: „Die Debatte um die Umsetzung der SDG kann nicht mehr ohne ein entsprechendes Verständnis der Potenziale und Risiken der Digitalisierung für die gesamte Agenda 2030 geführt werden.“ Dieser Impuls gibt bei uns den Ausschlag dafür, die Digitalisierung in der Eine Welt Arbeit mit Debatten und Aktionen zu den SDG zu verbinden, denn: „Ignorieren oder vernachlässigen diejenigen, die versuchen, Nachhaltigkeitstransformationen voranzubringen, die Digitalisierungsdynamiken, wird die Große Transformation zur Nachhaltigkeit auf der Strecke bleiben“ (WBGU).

Als Gestaltungsaufgabe formuliert der WBGU eine doppelte Kurskorrektur: Erstens die Aufnahme der Digitalisierung in „unsere“ Nachhaltigkeits-Diskurse, zweitens die Aufnahme der Nachhaltigkeitsherausforderungen durch die Digitalpionier*innen, die Digitalisierung bisher kaum mit der Großen Transformation in Verbindung bringen. „Die Akteure der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung benötigen einen kraftvollen, gemeinsamen Anlauf, um eine Trendwende zur digitalen Nachhaltigkeitsgesellschaft einzuleiten.“

Wir wollen deshalb Gelegenheiten schaffen, die beide Milieus zusammenführen, gemeinsame Interessen aufzeigen, ihre Schnittmengen vergrößern und gemeinsame Aktionen befördern. Dies ist vor dem Hintergrund auseinanderdriftender Milieus und isolierter Debatten in „Filterblasen“ ein Ziel, das auch in den Entwicklungspolitischen Schwerpunkten der NRW-Landesregierung von 2019 angesprochen wird: „Es ist der Landesregierung ein Anliegen, bei den Menschen in Nordrhein-Westfalen ein Bewusstsein für globale Zusammenhänge zu schaffen. (…)  Dabei sieht es seine Funktion wesentlich auch darin, Brücken zwischen Menschen zu bauen, fachliche Kompetenzen gezielt in Clustern zusammenzubringen und Anstöße für einen strukturierten Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu geben.“ Es gelte deshalb, Menschen zu erreichen, „die für die Themen der Agenda 2030 bislang noch wenig aufgeschlossen sind.“

Zwar hat die Digitalisierung als Corona-Notlösung beide Milieus bereits etwas näher zusammengeführt. Doch die Digitalisierung war früher und sie bleibt länger als Corona. Sie darf nicht nur als erzwungene Notlösung gesehen werden, für die Engagierte nur hier und da noch ein paar Handgriffe mehr lernen müssen.  Vielmehr gilt wie oben beschrieben: Die Debatte um die Umsetzung der SDG kann nicht mehr ohne Digitalisierung geführt werden – und sie kann auch nicht länger fast ausschließlich in der analogen Öffentlichkeit geführt werden. Nachhaltigkeit muss viel stärker in die Räume digitaler Öffentlichkeit getragen werden. So wie das Eine Welt Netz NRW mit dem Weltgarten seit 2005 die Themen globaler Gerechtigkeit dort aufstellt, wo sich viele Menschen in der „analogen Öffentlichkeit“ ansprechen lassen (z.B. in Zoos und auf Landesgartenschauen), so muss die Eine Welt-Arbeit viel stärker ihre Themen auch dort aufstellen, wo sich viele Menschen im digitalen Raum ansprechen lassen.

Bei der Eine Welt Landeskonferenz 2019 gab uns der Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul einen wichtigen Impuls, indem er das „Paradoxon der Digitalisierung“ zur Debatte stellte. Wir erleben sie im Alltag als Gleichzeitigkeit von Datenraub und Durchleuchtung einerseits und Bequemlichkeit und Kommunikation andererseits. In Afrika scheint das Paradoxon noch viel stärker zu sein: Einerseits Sklaverei und Tod in den Koltan-Gebieten des Kongos und auf Ghanas Elektro-Schrotthalde Agbogbloshie, andererseits zeichnen afrikanische Apps das lange ersehnte Bild moderner afrikanischer Gesellschaften jenseits von Hungersnot und Lehmhütten.

Spätestens seit dieser Debatte war klar: Die Eine Welt Arbeit in NRW benötigt Projekte, die nicht nur einzelne negative Aspekte aus Liefer- und Entsorgungsketten der Digitalisierung beleuchten, sondern die übergreifend die Potenziale der Digitalisierung sowohl fürs Engagement als auch für globale Nachhaltige Entwicklung aufgreifen.

Als überspitztes Klischee: „Der Engagierte“ ist eher alt, wirbt für Fairen Handel, baut Schulen in Tansania und protestiert gegen den Koltan-Abbau im Kongo – will mit IT aber nicht mehr zu tun haben als zwingend nötig. „Der Digitale“ ist eher jung, digital vernetzt und frickelt begeistert mit Hard- und Software – und glaubt, globale Ungleichheit und planetare Grenzen lassen sich technisch lösen. Unser Ziel ist deshalb: Bringen wir mehr Digitalisierung ins Nachhaltigkeits-Milieu und mehr Nachhaltigkeit ins Digitalisierungs-Milieu!

Manfred Belle, Eine Welt Netz NRW
Fachpromotor für die Sustainable Development Goals

Link zum WBGU

Link zur Studientagung Digitalisierung

Eine Welt Netz NRW @ 2021
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