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Debatte um Impfgerechtigkeit

Alle Menschen der Welt benötigen Corona-Impfstoffe

Photo by Daniel Schludi on Unsplash

Vordergründig und persönlich ist es schön: Deutschland und andere reiche Länder können immer mehr Menschen impfen.  Aber gleichzeitig gibt es Länder in unserer „Einen Welt“,  in denen noch niemand gegen Covid-19 geimpft ist. Im Frühjahr 2021 hatte die Weltgesundheitsorganisation einen relativ guten Plan für die faire Verteilung von Corona-Impfstoffen vorgelegt: Die Covax-Initiative.  Allgemein wurde dem damals zugestimmt, doch konkret kauft seitdem jedes Land für sich weiterhin so viel Impfstoff wie möglich. Die USA horten über 20 Millionen Dosen des Astra-Zeneca-Präparats, obwohl es dort noch gar nicht zugelassen ist. Deutschland hat sich von den vier bisher zugelassenen Produkten doppelt so große Mengen gesichert, wie zur Immunisierung aller Erwachsenen nötig wären. Die ärmsten Staaten der „Einen Welt“ verfügten im Frühjahr 2021 nur über rund 0,3 Prozent der verfügbaren Impfstoffe.

Es werden unzählige Menschen in Indien und Brasilien sterben, bis reiche Länder wie Deutschland wenigstens ihre Restposten abgeben werden. Von globaler Impf-Solidarität ist noch viel zu wenig zu spüren. Ein Grund dafür mag sein, dass deutsche Politiker im Herbst 2021 auf die Stimmen der Wahlberechtigten in Deutschland angewiesen sein werden. Doch die globale Impf-Ungerechtigkeit ist nicht nur unsolidarisch,  sondern auch globalpolitisch kurzsichtig. Wenn so weitergemacht wird, dann wird auch Ende 2023 im ärmeren Teil der Welt kein ausreichender allgemeiner Impfschutz bestehen. Dann könnten neue Mutationen z.B. von Geschäftsreisenden und Touristen erneut auch nach Deutschland eingeschleppt werden.  Der globale Norden sollte jetzt einen Teil seiner Impfstoffe abgeben, damit z.B. in Indien und Brasilien wenigstens Pfleger und Ärztinnen geschützt werden können. Ärmere Länder benötigen rechtliche und finanzielle Hilfe, um Impfstoff-Fabriken auf- und auszubauen. Es wird die globalisierte Welt für die nächste Zukunft prägen, in welchem Ausmaß sich die Welt zu Impf-Solidarität aufraffen kann.

Zukunftsgestaltung nach Corona

Gemeinsame Erklärung der Netzwerke aus Lünen und Hamm

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Das Forum für Umwelt und gerechte Entwicklung in Hamm (FUgE) und die Lüner Initiative gegen globale Armut in Lünen (LIGA) haben im September 2020 gemeinsam eine Erklärung „Für eine Erneuerung unserer Gesellschaft – Zukunftsgestaltung nach Corona“ abgegeben. Mit dieser Erklärung machen sie deutlich, dass wir weit hinter dem zurückbleiben, was getan werden muss. Wir setzen uns oftmals über das hinweg, was die Wissenschaft als notwendig erachtet, um die katastrophalen Auswirkungen der Krisen zu verhindern. Nun gilt es das Notwendige zu tun. Die vorliegende Broschüre ergänzt die Vorstellungen der beiden Herausgeber um Fakten und Hintergründe. FUgE in Hamm und LIGA in Lünen sind Netzwerke für engagierte Gruppen sowie Einzelpersonen aus dem Eine - Welt- und Umweltbereich.

Download der gemeinsamen Erklärung als pdf

Download der Broschüre als pdf

www.liga-luenen.de 

www.fuge-hamm.org

Zivilgesellschaft unter Druck

Ein Beitrag von Simon Ramirez-Voltaire

Photo by Rachael Henning on Unsplash

„Unser verstärkter Einsatz sollte jetzt dem Ziel gelten, Gesellschaften offen zu halten, Debattenräume zu erhalten und die Anstrengungen für die Welt-Entwicklungsziele (SDG) zu steigern. Dafür wird Zivilgesellschaft mehr gebraucht denn je, auch oder gerade in Zeiten von Corona.“ So schreibt Dr. Simon Ramirez-Voltaire, Geschäftsführer der AG der Eine Welt Landesnetzwerke, im Leitartikel der aktuellen Ausgabe der „Positionen“, der Zeitschrift des Eine Welt Landesnetzwerks in Niedersachsen. Viele Eine Welt-Aktive hören von ihren internationalen Partner*innen, wie deren Arbeitsbedingungen zunehmend erschwert werden – durch behördliche Schikanen, Kriminalisierung bis hin zu Morddrohungen. Studien bestätigen: Zivilgesellschaftliche Spielräume nehmen seit Jahren weltweit ab.

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Eine herabwürdigende Rhetorik gegenüber Frauen, Migrant*innen, politischen Gegner*innen wie auch gegenüber kritischen Medien errichtet inzwischen in vielen Ländern Mauern in den Köpfen der Menschen. Das erschwert die Arbeit der Zivilgesellschaft. „Feindeslisten“ von rechtsextremen Gruppen, z. T. mit Verbindungen zu Polizei und Bundeswehr, beunruhigen. Zivilgesellschaft unter Druck – das Thema hat durch Corona nicht an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Weltweit wird die Pandemie genutzt, um Menschenrechte und zivilgesellschaftliche Freiheiten einzuschränken und Kritiker*innen zum Schweigen zu bringen. Aber: „Krisen haben es so an sich, dass vieles auf den Prüfstand gestellt wird und Umdenkprozesse einsetzen. Das bietet Chancen für einen nachhaltigen und sozial gerechten Wiederaufbau. Dies wird jetzt verhandelt – und Zivilgesellschaft hat darin ihre Aufgaben“ – schreibt Simon Ramirez-Voltaire in seinem Leitartikel.

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Gestaltungsaufgabe für Gerechtigkeit

Die Corona-Krise beschleunigt die Digitalisierung des Eine Welt Engagements

Photo by Markus Spiske on Unsplash

„Unter dem Druck der Corona-Krise haben zivilgesellschaftliche Akteure hohe Flexibilität und  Innovationskraft bewiesen und Arbeitsprozesse und Kommunikation im Eilverfahren digitalisiert“ – so werben wir für die Studientagung „Digitale Agenda 2030“, die vom Eine Welt Netz NRW und der Stiftung Umwelt und Entwicklung unterstützt wird. Die Corona-bedingte Digitalisierung im Eilverfahren war für viele Engagierte ein Sprung ins kalte Wasser - und für einige zugleich ein Sprung über den eigenen Schatten, wenn man bedenkt, dass Technikskepsis und –kritik vielen näher sind als große Begeisterung über Apps und digitale Medien. Zumal diese Skepsis sehr berechtigt ist, denn die Potenziale der Digitalisierung für Nachhaltigkeit sind alles andere als Selbstläufer:

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„Fake News; Social Credit Scores; Erosion zivilisatorischer Standards im Internet; Probleme von Regierungen, Unternehmen, die in digitalen Räumen agieren, angemessen zu besteuern; Politik, die durch die Anforderungen beschleunigter Digitalisierung überfordert scheint – all dies sind nur einige pathologische Effekte ungehemmter Entwicklungen.“ So beschreibt es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), der seit vielen Jahren zu den wichtigsten Impulsgebern für das Eine Welt Netz zählt. „Die Gutachten des WBGU sind unersetzliche Nachschlagewerke und Quellen für die internationale Umwelt- und Entwicklungspolitik. Jede Institution, die sich mit dem drängenden Problem von Umwelt und Entwicklung befasst, sollte über diese Werke verfügen.“ (Prof. Dr. Klaus Töpfer, 1998-2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen)

Im Jahr 2019 legte der WBGU sein jüngstes Gutachten vor: „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“. So wie der Brundtlandt-Bericht mit dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“ 1987 das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung entworfen hat, skizziert der WBGU heute das Konzept der globalen digitalen Nachhaltigkeitsgesellschaft. Die Analysen des WBGU zeigen, dass Digitalisierungsdynamiken massive Auswirkungen auf alle 17 SDG haben: „Die Debatte um die Umsetzung der SDG kann nicht mehr ohne ein entsprechendes Verständnis der Potenziale und Risiken der Digitalisierung für die gesamte Agenda 2030 geführt werden.“ Dieser Impuls gibt bei uns den Ausschlag dafür, die Digitalisierung in der Eine Welt Arbeit mit Debatten und Aktionen zu den SDG zu verbinden, denn: „Ignorieren oder vernachlässigen diejenigen, die versuchen, Nachhaltigkeitstransformationen voranzubringen, die Digitalisierungsdynamiken, wird die Große Transformation zur Nachhaltigkeit auf der Strecke bleiben“ (WBGU).

Als Gestaltungsaufgabe formuliert der WBGU eine doppelte Kurskorrektur: Erstens die Aufnahme der Digitalisierung in „unsere“ Nachhaltigkeits-Diskurse, zweitens die Aufnahme der Nachhaltigkeitsherausforderungen durch die Digitalpionier*innen, die Digitalisierung bisher kaum mit der Großen Transformation in Verbindung bringen. „Die Akteure der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung benötigen einen kraftvollen, gemeinsamen Anlauf, um eine Trendwende zur digitalen Nachhaltigkeitsgesellschaft einzuleiten.“

Wir wollen deshalb Gelegenheiten schaffen, die beide Milieus zusammenführen, gemeinsame Interessen aufzeigen, ihre Schnittmengen vergrößern und gemeinsame Aktionen befördern. Dies ist vor dem Hintergrund auseinanderdriftender Milieus und isolierter Debatten in „Filterblasen“ ein Ziel, das auch in den Entwicklungspolitischen Schwerpunkten der NRW-Landesregierung von 2019 angesprochen wird: „Es ist der Landesregierung ein Anliegen, bei den Menschen in Nordrhein-Westfalen ein Bewusstsein für globale Zusammenhänge zu schaffen. (…)  Dabei sieht es seine Funktion wesentlich auch darin, Brücken zwischen Menschen zu bauen, fachliche Kompetenzen gezielt in Clustern zusammenzubringen und Anstöße für einen strukturierten Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu geben.“ Es gelte deshalb, Menschen zu erreichen, „die für die Themen der Agenda 2030 bislang noch wenig aufgeschlossen sind.“

Zwar hat die Digitalisierung als Corona-Notlösung beide Milieus bereits etwas näher zusammengeführt. Doch die Digitalisierung war früher und sie bleibt länger als Corona. Sie darf nicht nur als erzwungene Notlösung gesehen werden, für die Engagierte nur hier und da noch ein paar Handgriffe mehr lernen müssen.  Vielmehr gilt wie oben beschrieben: Die Debatte um die Umsetzung der SDG kann nicht mehr ohne Digitalisierung geführt werden – und sie kann auch nicht länger fast ausschließlich in der analogen Öffentlichkeit geführt werden. Nachhaltigkeit muss viel stärker in die Räume digitaler Öffentlichkeit getragen werden. So wie das Eine Welt Netz NRW mit dem Weltgarten seit 2005 die Themen globaler Gerechtigkeit dort aufstellt, wo sich viele Menschen in der „analogen Öffentlichkeit“ ansprechen lassen (z.B. in Zoos und auf Landesgartenschauen), so muss die Eine Welt-Arbeit viel stärker ihre Themen auch dort aufstellen, wo sich viele Menschen im digitalen Raum ansprechen lassen.

Bei der Eine Welt Landeskonferenz 2019 gab uns der Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul einen wichtigen Impuls, indem er das „Paradoxon der Digitalisierung“ zur Debatte stellte. Wir erleben sie im Alltag als Gleichzeitigkeit von Datenraub und Durchleuchtung einerseits und Bequemlichkeit und Kommunikation andererseits. In Afrika scheint das Paradoxon noch viel stärker zu sein: Einerseits Sklaverei und Tod in den Koltan-Gebieten des Kongos und auf Ghanas Elektro-Schrotthalde Agbogbloshie, andererseits zeichnen afrikanische Apps das lange ersehnte Bild moderner afrikanischer Gesellschaften jenseits von Hungersnot und Lehmhütten.

Spätestens seit dieser Debatte war klar: Die Eine Welt Arbeit in NRW benötigt Projekte, die nicht nur einzelne negative Aspekte aus Liefer- und Entsorgungsketten der Digitalisierung beleuchten, sondern die übergreifend die Potenziale der Digitalisierung sowohl fürs Engagement als auch für globale Nachhaltige Entwicklung aufgreifen.

Als überspitztes Klischee: „Der Engagierte“ ist eher alt, wirbt für Fairen Handel, baut Schulen in Tansania und protestiert gegen den Koltan-Abbau im Kongo – will mit IT aber nicht mehr zu tun haben als zwingend nötig. „Der Digitale“ ist eher jung, digital vernetzt und frickelt begeistert mit Hard- und Software – und glaubt, globale Ungleichheit und planetare Grenzen lassen sich technisch lösen. Unser Ziel ist deshalb: Bringen wir mehr Digitalisierung ins Nachhaltigkeits-Milieu und mehr Nachhaltigkeit ins Digitalisierungs-Milieu!

Manfred Belle, Eine Welt Netz NRW
Fachpromotor für die Sustainable Development Goals

Link zum WBGU

Link zur Studientagung Digitalisierung

Eine Welt Netz NRW @ 2021
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