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Zukunftsgestaltung nach Corona

Gemeinsame Erklärung der Netzwerke aus Lünen und Hamm

Photo by Markus Spiske on Unsplash

Das Forum für Umwelt und gerechte Entwicklung in Hamm (FUgE) und die Lüner Initiative gegen globale Armut in Lünen (LIGA) haben im September 2020 gemeinsam eine Erklärung „Für eine Erneuerung unserer Gesellschaft – Zukunftsgestaltung nach Corona“ abgegeben. Mit dieser Erklärung machen sie deutlich, dass wir weit hinter dem zurückbleiben, was getan werden muss. Wir setzen uns oftmals über das hinweg, was die Wissenschaft als notwendig erachtet, um die katastrophalen Auswirkungen der Krisen zu verhindern. Nun gilt es das Notwendige zu tun. Die vorliegende Broschüre ergänzt die Vorstellungen der beiden Herausgeber um Fakten und Hintergründe. FUgE in Hamm und LIGA in Lünen sind Netzwerke für engagierte Gruppen sowie Einzelpersonen aus dem Eine - Welt- und Umweltbereich.

Download der gemeinsamen Erklärung als pdf

Download der Broschüre als pdf

www.liga-luenen.de 

www.fuge-hamm.org

Zivilgesellschaft unter Druck

Ein Beitrag von Simon Ramirez-Voltaire

Photo by Rachael Henning on Unsplash

„Unser verstärkter Einsatz sollte jetzt dem Ziel gelten, Gesellschaften offen zu halten, Debattenräume zu erhalten und die Anstrengungen für die Welt-Entwicklungsziele (SDG) zu steigern. Dafür wird Zivilgesellschaft mehr gebraucht denn je, auch oder gerade in Zeiten von Corona.“ So schreibt Dr. Simon Ramirez-Voltaire, Geschäftsführer der AG der Eine Welt Landesnetzwerke, im Leitartikel der aktuellen Ausgabe der „Positionen“, der Zeitschrift des Eine Welt Landesnetzwerks in Niedersachsen. Viele Eine Welt-Aktive hören von ihren internationalen Partner*innen, wie deren Arbeitsbedingungen zunehmend erschwert werden – durch behördliche Schikanen, Kriminalisierung bis hin zu Morddrohungen. Studien bestätigen: Zivilgesellschaftliche Spielräume nehmen seit Jahren weltweit ab.

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Eine herabwürdigende Rhetorik gegenüber Frauen, Migrant*innen, politischen Gegner*innen wie auch gegenüber kritischen Medien errichtet inzwischen in vielen Ländern Mauern in den Köpfen der Menschen. Das erschwert die Arbeit der Zivilgesellschaft. „Feindeslisten“ von rechtsextremen Gruppen, z. T. mit Verbindungen zu Polizei und Bundeswehr, beunruhigen. Zivilgesellschaft unter Druck – das Thema hat durch Corona nicht an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Weltweit wird die Pandemie genutzt, um Menschenrechte und zivilgesellschaftliche Freiheiten einzuschränken und Kritiker*innen zum Schweigen zu bringen. Aber: „Krisen haben es so an sich, dass vieles auf den Prüfstand gestellt wird und Umdenkprozesse einsetzen. Das bietet Chancen für einen nachhaltigen und sozial gerechten Wiederaufbau. Dies wird jetzt verhandelt – und Zivilgesellschaft hat darin ihre Aufgaben“ – schreibt Simon Ramirez-Voltaire in seinem Leitartikel.

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Gestaltungsaufgabe für Gerechtigkeit

Die Corona-Krise beschleunigt die Digitalisierung des Eine Welt Engagements

Photo by Markus Spiske on Unsplash

„Unter dem Druck der Corona-Krise haben zivilgesellschaftliche Akteure hohe Flexibilität und  Innovationskraft bewiesen und Arbeitsprozesse und Kommunikation im Eilverfahren digitalisiert“ – so werben wir für die Studientagung „Digitale Agenda 2030“, die vom Eine Welt Netz NRW und der Stiftung Umwelt und Entwicklung unterstützt wird. Die Corona-bedingte Digitalisierung im Eilverfahren war für viele Engagierte ein Sprung ins kalte Wasser - und für einige zugleich ein Sprung über den eigenen Schatten, wenn man bedenkt, dass Technikskepsis und –kritik vielen näher sind als große Begeisterung über Apps und digitale Medien. Zumal diese Skepsis sehr berechtigt ist, denn die Potenziale der Digitalisierung für Nachhaltigkeit sind alles andere als Selbstläufer:

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„Fake News; Social Credit Scores; Erosion zivilisatorischer Standards im Internet; Probleme von Regierungen, Unternehmen, die in digitalen Räumen agieren, angemessen zu besteuern; Politik, die durch die Anforderungen beschleunigter Digitalisierung überfordert scheint – all dies sind nur einige pathologische Effekte ungehemmter Entwicklungen.“ So beschreibt es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), der seit vielen Jahren zu den wichtigsten Impulsgebern für das Eine Welt Netz zählt. „Die Gutachten des WBGU sind unersetzliche Nachschlagewerke und Quellen für die internationale Umwelt- und Entwicklungspolitik. Jede Institution, die sich mit dem drängenden Problem von Umwelt und Entwicklung befasst, sollte über diese Werke verfügen.“ (Prof. Dr. Klaus Töpfer, 1998-2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen)

Im Jahr 2019 legte der WBGU sein jüngstes Gutachten vor: „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“. So wie der Brundtlandt-Bericht mit dem Titel „Unsere gemeinsame Zukunft“ 1987 das Konzept der Nachhaltigen Entwicklung entworfen hat, skizziert der WBGU heute das Konzept der globalen digitalen Nachhaltigkeitsgesellschaft. Die Analysen des WBGU zeigen, dass Digitalisierungsdynamiken massive Auswirkungen auf alle 17 SDG haben: „Die Debatte um die Umsetzung der SDG kann nicht mehr ohne ein entsprechendes Verständnis der Potenziale und Risiken der Digitalisierung für die gesamte Agenda 2030 geführt werden.“ Dieser Impuls gibt bei uns den Ausschlag dafür, die Digitalisierung in der Eine Welt Arbeit mit Debatten und Aktionen zu den SDG zu verbinden, denn: „Ignorieren oder vernachlässigen diejenigen, die versuchen, Nachhaltigkeitstransformationen voranzubringen, die Digitalisierungsdynamiken, wird die Große Transformation zur Nachhaltigkeit auf der Strecke bleiben“ (WBGU).

Als Gestaltungsaufgabe formuliert der WBGU eine doppelte Kurskorrektur: Erstens die Aufnahme der Digitalisierung in „unsere“ Nachhaltigkeits-Diskurse, zweitens die Aufnahme der Nachhaltigkeitsherausforderungen durch die Digitalpionier*innen, die Digitalisierung bisher kaum mit der Großen Transformation in Verbindung bringen. „Die Akteure der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung benötigen einen kraftvollen, gemeinsamen Anlauf, um eine Trendwende zur digitalen Nachhaltigkeitsgesellschaft einzuleiten.“

Wir wollen deshalb Gelegenheiten schaffen, die beide Milieus zusammenführen, gemeinsame Interessen aufzeigen, ihre Schnittmengen vergrößern und gemeinsame Aktionen befördern. Dies ist vor dem Hintergrund auseinanderdriftender Milieus und isolierter Debatten in „Filterblasen“ ein Ziel, das auch in den Entwicklungspolitischen Schwerpunkten der NRW-Landesregierung von 2019 angesprochen wird: „Es ist der Landesregierung ein Anliegen, bei den Menschen in Nordrhein-Westfalen ein Bewusstsein für globale Zusammenhänge zu schaffen. (…)  Dabei sieht es seine Funktion wesentlich auch darin, Brücken zwischen Menschen zu bauen, fachliche Kompetenzen gezielt in Clustern zusammenzubringen und Anstöße für einen strukturierten Dialog zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu geben.“ Es gelte deshalb, Menschen zu erreichen, „die für die Themen der Agenda 2030 bislang noch wenig aufgeschlossen sind.“

Zwar hat die Digitalisierung als Corona-Notlösung beide Milieus bereits etwas näher zusammengeführt. Doch die Digitalisierung war früher und sie bleibt länger als Corona. Sie darf nicht nur als erzwungene Notlösung gesehen werden, für die Engagierte nur hier und da noch ein paar Handgriffe mehr lernen müssen.  Vielmehr gilt wie oben beschrieben: Die Debatte um die Umsetzung der SDG kann nicht mehr ohne Digitalisierung geführt werden – und sie kann auch nicht länger fast ausschließlich in der analogen Öffentlichkeit geführt werden. Nachhaltigkeit muss viel stärker in die Räume digitaler Öffentlichkeit getragen werden. So wie das Eine Welt Netz NRW mit dem Weltgarten seit 2005 die Themen globaler Gerechtigkeit dort aufstellt, wo sich viele Menschen in der „analogen Öffentlichkeit“ ansprechen lassen (z.B. in Zoos und auf Landesgartenschauen), so muss die Eine Welt-Arbeit viel stärker ihre Themen auch dort aufstellen, wo sich viele Menschen im digitalen Raum ansprechen lassen.

Bei der Eine Welt Landeskonferenz 2019 gab uns der Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul einen wichtigen Impuls, indem er das „Paradoxon der Digitalisierung“ zur Debatte stellte. Wir erleben sie im Alltag als Gleichzeitigkeit von Datenraub und Durchleuchtung einerseits und Bequemlichkeit und Kommunikation andererseits. In Afrika scheint das Paradoxon noch viel stärker zu sein: Einerseits Sklaverei und Tod in den Koltan-Gebieten des Kongos und auf Ghanas Elektro-Schrotthalde Agbogbloshie, andererseits zeichnen afrikanische Apps das lange ersehnte Bild moderner afrikanischer Gesellschaften jenseits von Hungersnot und Lehmhütten.

Spätestens seit dieser Debatte war klar: Die Eine Welt Arbeit in NRW benötigt Projekte, die nicht nur einzelne negative Aspekte aus Liefer- und Entsorgungsketten der Digitalisierung beleuchten, sondern die übergreifend die Potenziale der Digitalisierung sowohl fürs Engagement als auch für globale Nachhaltige Entwicklung aufgreifen.

Als überspitztes Klischee: „Der Engagierte“ ist eher alt, wirbt für Fairen Handel, baut Schulen in Tansania und protestiert gegen den Koltan-Abbau im Kongo – will mit IT aber nicht mehr zu tun haben als zwingend nötig. „Der Digitale“ ist eher jung, digital vernetzt und frickelt begeistert mit Hard- und Software – und glaubt, globale Ungleichheit und planetare Grenzen lassen sich technisch lösen. Unser Ziel ist deshalb: Bringen wir mehr Digitalisierung ins Nachhaltigkeits-Milieu und mehr Nachhaltigkeit ins Digitalisierungs-Milieu!

Manfred Belle, Eine Welt Netz NRW
Fachpromotor für die Sustainable Development Goals

Link zum WBGU

Link zur Studientagung Digitalisierung

Gesucht: Ein neues Wirtschaftswunder

Über 24.000 Menschen unterzeichnen mit uns eine Petition

Photo by American Public Power Association on Unsplash

Strom aus Sonne, Wind und Wasser gehört zu den Grundlagen eines neuen Wirtschaftswunders

Gemeinsam mit der GLS Bank appelliert das Eine Welt Netz NRW in einem Bündnis vieler Organisationen dafür, die Corona-Krise für ein „Neues Wirtschaftswunder“ zu nutzen. Die Krise deckt Schwachstellen auf, die in der Vergangenheit aufgrund eingefahrener Denkweisen und Strukturen sowie der Dominanz ökonomischer Erwägungen immer wieder ignoriert wurden. Über 24.000 Menschen haben im Mai unsere Petition an den Bundestag unterzeichnet. Angesichts der Corona-Krise setzen Regierungen auf Stabilisierungsprogramme gigantischen Ausmaßes. Gleichzeitig führt die aktuelle Situation zu einer Neubewertung vieler Selbstverständlichkeiten und einer Welle der Solidarität. Das Bewusstsein, dass Mensch und Natur unbedingt zusammen gedacht werden müssen, kommt in der Breite der Gesellschaft an. Konjunkturpakete sollen sich nicht an die Erhaltung des alten Systems klammern.

Es muss darum gehen, die natürlichen Grenzen unseres Planeten anzuerkennen und in Einklang mit einem zukunftsgerichteten, dem Gemeinwohl dienenden Wirtschaftssystem zu bringen.

Link zur Petition an den Deutschen Bundestag

Download des Offenen Briefes an die Bundeskanzlerin als pdf

Link zur Initiative Neues Wirtschaftswunder

Sie werden ihr Leben riskieren

Blog-Beitrag von Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale

Foto: Sajkat Mojumder / Oxfam Novib

In Bangladesch, im Distrikt Shariaptur, erhalten Frauen eine kleine Entenfamilie, die aus Spenden an Oxfam finanziert werden. Die Muttertiere bilden mit ihrem Nachwuchs den Grundstock für eine neue Entenzucht und damit eine stabile Grundlage für Einkommen und Ernährung.

Die Corona-Pandemie bedroht besonders Menschen, die bereits jetzt am Existenzminimum leben: Rund eine halbe Milliarde Menschen könnten in Armut stürzen. Die Zahl der akut Hungernden könnte sich bis Ende des Jahres verdoppeln. Und die Zahl der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht sind, könnte in Westafrika allein zwischen Juni und August von 17 Millionen auf 50 Millionen Menschen steigen. Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale erklärt, was getan werden muss, um die betroffenen Menschen zu schützen: "Bereits jetzt reichen staatliche Lebensmittellieferungen nicht aus und Millionen Menschen haben kein Geld, um sich Lebensmittel leisten zu können. Folglich ist es richtig, von einer Ernährungskrise zu sprechen. Das Welternährungsprogramm schätzt, dass die Zahl der akut Hungernden sich bis Ende 2020 verdoppeln könnte. Laut der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) könnte die Zahl der Menschen, die von Ernährungsunsicherheit und Unterernährung bedroht sind, zwischen Juni und August 2020 von 17 Millionen auf 50 Millionen Menschen steigen.

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Betroffen sind all jene, die ohnehin am Rande der Existenz leben, wenig Geld verdienen und keinen finanziellen Puffer haben: Marktverkäufer*innen, Tagelöhner*innen, Plantagen­arbeiter*innen, Migrant*innen, kleinbäuerliche Produzent*innen und nomadische Viehzüchter*innen."

Link zum Blog-Beitrag von Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale

 

 

Matthias Horx: System reset!

Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wir werden uns wundern

Foto: Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher (www.horx.com)

Der Zukunftsforscher Matthias Horx sagt, dass Corona nicht irgendwann „vorbei sein wird” und alles wieder zur Normalität zurückkehrt: Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Diese Zeiten sind jetzt. Jede Tiefenkrise hinterlässt ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO2-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen. Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahrnehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

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Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt. Aber sie kann sich neu erfinden. Auch nach Corona gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen. Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Link zum Beitrag von Matthias Horx: Die Corona-Rückwärts-Prognose

Messner: Veränderungen sind möglich

„Wir brauchen starke Stimmen für Zukunftsinvestitionen“

Foto: Susanne Kambor / Umweltbundesamt

Der Präsident des Umweltbundesamtes Dirk Messner zum Umgang mit der Corona-Krise: "In den kommenden Monaten entscheidet sich, wie wir durch die 2020er Jahre kommen."

Der Wissenschafts-Blog „Corona Sustainability Compass“ (CSC) wird gemeinsam herausgegeben vom Umweltbundesamt (UBA), dem Forschungsnetzwerk Future Earth, dem International Science Council (ISC, Internationaler Wissenschaftsrat) und der Stiftung 2° – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz. Hier stellen Autor*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ihre Visionen einer nachhaltigeren Zukunft vor, die durch Corona möglich werden könnten. Der erste Beitrag stammt von Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes. Darin schreibt er u.a.:  „Wir sollten beim Corona-Krisenmanagement die noch viel größeren Herausforderungen für unsere Zivilisation nicht aus dem Auge verlieren: die Auswirkungen der Erderhitzung, die viel zu hohen Ressourcenverbräuche, die weit über die planetaren Belastungsgrenzen gehen, die schwindende Artenvielfalt.  Die aktuelle Corona-Krise bietet die einmalige Chance, die aktuellen Geschäftsmodelle zu überdenken und den wirtschaftlichen Neuanfang nachhaltiger und zukunftsfähiger zu gestalten.“

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Ähnlich äußert sich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble am 26. April 2020 im Berliner Tagesspiegel: „Noch immer ist nicht nur die Pandemie das größte Problem, sondern der Klimawandel, der Verlust an Artenvielfalt, all die Schäden, die wir Menschen und vor allem wir Europäer durch Übermaß der Natur antun. Hoffentlich werden uns nicht wieder nur Abwrackprämien einfallen, die es der Industrie ermöglichen, weiter zu machen wie bisher.“ Dirk Messer begründet, warum Eine Welt-Engagement gerade jetzt wichtig ist: „Krisen können „kognitive locks-ins“, Verharren in Vergangenheitsstrukturen, auslösen. Deshalb braucht es starke Stimmen, die zeigen, wie Zukunftsinvestitionen so gestaltet werden können, dass sie auch die Ängste und Verunsicherungen im Hier und Jetzt adressieren. Andererseits sind Krisen oft auch Momente, in denen Veränderungen möglich sind, die unter Normalbedingungen undenkbar wären.“

Link zum Beitrag von Dirk Messner

Link zum CSC-Blog

Link zum Interview mit Wolfgang Schäuble im Tagesspiegel

Renaissance für den Schulden-Erlass

Bündnisse und Staaten: Geld für Gesundheit nutzen statt für Rückzahlungen

Photo by Avinash Kumar on Unsplash

Zur Bekämpfung der Corona-Pandemie fordern immer mehr Länder im Globalen Süden Schuldenerlasse. Insgesamt 205 internationale und regionale Organisationen fordern einen Schuldenerlass aller im Jahr 2020 fälligen Zahlungen für Auslandsschulden. Zusätzlich sollen Notfinanzierungen bereitgestellt werden, die keine neuen Schulden schaffen. Gleichzeitig sollen Langzeit-Ansätze und nachhaltige Lösungen, vor allem für Länder, die schon vor Covid-19 in der Krise waren, angedacht werden. All diese Maßnahmen sollen den schwerwiegenden Auswirkungen der Corona-Krise auf Gesundheit, Sozialwesen und Wirtschaft, von denen besonders die Länder des globalen Südens betroffen sind, entgegenwirken. Das deutsche Entschuldungsbündnis erlassjahr.de fordert von der Bundesregierung, zugunsten der Bewältigung der weltweiten Krise auf die Schuldenrückzahlung betroffener Länder zu verzichten.

Link zum Statement des Global Call Against Poverty (GCAP)

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Kristina Rehbein, politische Referentin von erlassjahr.de, sagt: „Viele Länder mit niedrigem Einkommen geben mehr Geld für den Schuldendienst als für die öffentliche Gesundheit aus – durchschnittlich viermal so viel. Es ist daher das einzig Richtige, zu verhindern, dass Gelder abfließen, die dringend zur Bewältigung der drohenden Notsituation benötigt werden. Jedes Zögern würde die finanziellen, aber vor allem die sozialen Kosten vervielfachen. Wir fordern die Bundesregierung auf, die Maßnahmen der gefährdeten Schuldnerländer zu unterstützen.“

Der Präsident der Weltbank David Malpass schlug sogar eine Einstellung des gesamten Schuldendienstes an andere Regierungen vor. Anders als die europäischen Regierungen, haben die Verantwortlichen in zahlreichen afrikanischen Ländern aus den zahlreichen Pandemien des Kontinents gelernt und mit zeitigen und entschlossenen Maßnahmen ihre Länder selbst Corona-frei halten können. Eng werden kann es allerdings, wenn die finanziellen Mittel dafür nicht mehr ausreichen.

Pakistans Premierminister Imran Khan hat am 18. März 2020 als erster Staatschef eines ärmeren Landes über die Medien Schuldenerleichterungen für sein Land, aber auch den Erzrivalen Indien und weitere, unter anderem afrikanische Länder gefordert.

www.erlassjahr.de

Yuval Noah Harari: Bürgersinn stärken!

Die Menschheit muss sich entscheiden zwischen Zwietracht oder Solidarität

Photo by Etienne Girardet on Unsplash

Tausche Freiheit gegen Sicherheit? Das wäre fatal, schreibt Yuval Noah Harari

Corona trifft die Welt in einer heiklen Phase: Biometrische Technologien ermöglichen eine tiefgreifende Massenüberwachung und sollen dazu genutzt werden, die Ausbreitung von Corona einzudämmen. Die Welt ist im Ausnahmezustand, und nicht selten verfestigen sich Notmaßnahmen zu dauerhaften Regierungsmustern. Doch die Menschen müssen nicht ihre Freiheit aufgeben, um ihre Gesundheit zu bewahren. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari ist durch seinen Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ populär geworden. In der „Financial Times“ veröffentlichte er ein Plädoyer, angesichts der Corona-Krise den Bürgersinn zu stärken und Totalitarismus zu bekämpfen.  „Viele kurzfristige Maßnahmen in der Not verfestigen sich zu neuen Gegebenheiten im Alltag. Das haben Krisen so an sich: Sie spulen historische Prozesse im Schnellgang vorwärts."

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"Entscheidungen, die in normalen Zeiten jahrelange Diskussionen brauchen, fallen jetzt innerhalb von Stunden. Unausgereifte, ja sogar gefährliche Technologien kommen zum Einsatz, weil Nichtstun das größere Risiko wäre.“ Yuval Noah Harari sieht die Gesellschaften in der Corona-Krise vor zwei Entscheidungen: zwischen totalitärer Überwachung und republikanischer Ermächtigung der Bürger; sowie zwischen nationalistischer Isolation und globaler Solidarität:

„Die Menschheit muss eine Entscheidung treffen. Gehen wir den Weg der Zwietracht oder wählen wir den Pfad der globalen Solidarität? Wenn wir uns für die Zwietracht entscheiden, verlängern wir nicht nur diese Krise, sondern verursachen in Zukunft wohl noch weit schrecklichere Katastrophen. Wenn wir uns aber für die globale Solidarität entscheiden, trägt uns das nicht nur den Sieg gegen das Virus ein, sondern gegen alle Epidemien und Krisen, die die Menschheit im 21. Jahrhundert treffen können.“

Eine Übersetzung von  Markus Schär erschien am 23. März 2020 in der Neuen Zürcher Zeitung. 

Link zum Text in der Neuen Zürcher Zeitung

Eine Welt Netz NRW @ 2020
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